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Blackout - Teil 5

Blackout - Teil 1

Blackout - Teil 2

Blackout - Teil 3

Blackout - Teil 4








Eng.
Stickig.
Ungemütlich!
Flatternd hob Kid seine Lider, doch es blieb genauso dunkel wie eben noch mit geschlossenen Augen...
Ein kurzer Moment der Panik, bis er bemerkte, dass er nicht blind geworden war, sondern sich nur in einem vollkommen dunklen Raum befand. Seiner Erkenntnis zum Trotz verzog er dennoch panisch das Gesicht! Er konnte sich nicht rühren, es war so eng, er konnte nicht atmen, nicht denken, er musste hier raus...
Wo war er? Er lag völlig gekrümmt, überall stieß sein Körper an Wände, nur an seiner Brust und am Bauch fühlte er etwas warmes, weiches, menschliches an ihn gespresst... ein anderer Körper? Und dieser Geruch... BLUT!
Er zwang seinen Verstand sich zu beruhigen, als er bemerkte, dass es nicht sein Blut war, das er so intensiv roch, das er an seinem einen Bein durch den Stoff sickern spürte, doch es half nichts, sein Herz raste weiterhin, sein Atem ging viel zu schnell und schwer, er brauchte Luft, JETZT!
Stimmen drangen in sein enges Gefängnis, erst gedämpft und entfernt, dann immer lauter und deutlicher:
"...finden schon, wo... ..versteckt hältst!"
"..wirst.. ...bereuen!"
"Nein, bitte.. ...verschont..."
Von wo kamen diese Stimmen, neben ihm... oder über ihm...? Er konnte so unklar denken...
"Ich bring dich um, wenn du uns nicht sofort verrätst, wo du das Kind versteckt hast!"
Eine bedrohliche Stimme, jung, extrem aggressiv...
"Lass das, wir sind nicht hier um Mönche umzubringen!"
Eine ältere Stimme, tiefer, knurrte gefährlich...
"Aber der Bengel hat unsere Gesichter.."
"Mir egal, du hast schon den Fehler begangen auf den Kleinen zu schießen! Ich will weder für den Mord an Mönchen noch an Kindern verantwortlich sein!"
"Ab.."
"Fresse, du hast keine 9-jährige Tochter die zuhause auf dich wartet! Wir bringen weder Kinder noch Mönche ohne verdammt guten Grund um, geht das in dein Spatzenhirn rein oder muss ich noch deutlich werden?"
"... Ja, verstanden. Und wie finden wir den Bengel jetzt, wenn wir die Glatzen nicht bedrohen können?"
"Dann durchsucht das ganze verdammte Kloster oder prügelt die Wahrheit aus ihnen heraus, wenn's sein muss! Der wird doch irgendwo sein mit der Kugel im Bein... oder hast du den Dieb doch nicht erwischt, wie du gesagt hast?"
"Doch, der ist mausetot!", erklärte die jüngere Stimme mit unüberhörbarem Stolz, "Ich hab ihn genau im Rücken getroffen, ich hab sogar das Loch in seinem Gleiter gesehen, die meine Kugel geschlagen hat!"
"Na woll'n wir das mal in deinem Interesse glauben...", murmelte der Ältere skeptischer, "Was auch immer der hier zu suchen gehabt hat..."
Das Streitgespräch wurde wieder leiser und entfernte sich, bis es endlich gänzlich verstummte, und Kid blieb mit rasselndem Atem und weit aufgerissenen Augen reglos in seinem Versteck liegen. Trotz seines derzeitigem schwerfälligen Verstandes war nicht schwer zu verstehen, was die zwei streitenden Kerle gemeint hatten: Er sollte eigentlich schon längst tot sein!
Leises Fußgetrappel wurde hörbar und eine Wand - die Decke? - seines engen Gefängnisses begann leicht zu vibrieren, dann unterdrücktes Schaben, als ob schwere Reisstrohmatten weggeschoben würden, und plötzlich drang frische Luft und Licht in den kleinen Hohlraum, als die Abdeckung entfernt wurde. Geblendet kniff Kid die Augen zusammen, ihm war schwindlig, seine Glieder waren steif, er konnte sich nicht bewegen, doch schon wurde er wieder von vielen Händen sanft, aber hastig gepackt und hochgehoben, nur um wenige Meter entfernt wieder sacht auf die Reisstrohmatten abgesetzt zu werden. Das Denken fiel ihm noch immer so schwer, doch er identifizierte mehrere männliche Stimmen, die mit Worten wie "Schnell schnell!" oder "Mach schon!" jemanden anfeuerten, das leise Summen eines elektrischen Geräts und wieder Hände, die seinen Kopf knapp über dem Boden abstützten, und plötzlich spürte er den Rasierer an seinem Kopf und die ersten Haarbüschel fallen...
"Tut mir Leid, Kid, aber wenn du überleben willst, musst du als einer von uns durchgehen", entschuldigte sich eine ältere Stimme traurig, aber gehetzt, und schon knöpften weitere Finger sein Jackett, seine Krawatte und sein Hemd auf.
Noch immer benebelt richtete sich Kid schwerfällig auf und nickte gezwungen. Sein Monokel war schon längst verschwunden, ebenso wie sein Umhang und sein Gleiter, auch sein Hut lag vermutlich noch immer in dem schmalen Versteck unter dem Fußboden. Dann streifte er sich selbst die übrige Kleidung von Leib und griff nach dem grauen Mönchsgewand, das man ihm reichte, bevor seine Beinahe-Mörder wiederkommen konnten...


"Alles in Ordnung?" Hattori sprach ihn vom Nebensessel aus an, sah dabei jedoch demonstrativ griesgrämig in eine andere Richtung.
Kid nickte teilnahmslos, den Kopf am Kopfteil seines eigenen Sessels angelehnt und starrte weiterhin aus dem Fenster ins Nichts. Sie hatten es trotz seiner Behinderung wie durch ein Wunder geschafft innerhalb der selbstgegebenen strengen Frist zum Shinkansen-Bahnhof Ôsakas zu gelangen und in den gerade am Bahngleis haltenden Zug zu hechten, und nun saßen sie seit einer halben Stunde schon nebeneinander, er von Hattori ans Fenster gesetzt, während der Detektiv mit dem Sessel zum Gang jeden möglichen Fluchtweg von vorneherein blockierte.
Innerlich lachte der Dieb trocken auf, wohin sollte er denn schon fliehen können, wenn er sich von selbst in diese Situation gebracht hatte? Doch nach Außen hin blieb seine Miene weiterhin unbewegt.
Schmerzhaft verzog er das Gesicht und stöhnte leise auf, als die Bahn für einen kurzen Moment stärker rüttelte und die unangenehme Vibration auf das viel zu harte Kopfteil übertrug... und sein Schädel vor dumpfem Schmerz zu explodieren schien.
Automatisch wandte Hattori den Kopf zu ihm herum und starrte ihn einige Sekunden lang unschlüssig an. Dann zog er sich erst die Jacke, dann seinen Kapuzenpullover aus, faltete letzteres zu einem kleinen Rechteck zusammen und reichte es seinem Gegner entschlossen:
"Da. Benutz es als Kissen, um die Stöße abzumildern!"
'Wage es erst nicht zu widersprechen oder das Angebot abzulehnen', drückte seine gesamte Haltung und der drohende Blick aus, und so nahm Kid das Geschenk mit einem leisen, aber aufrichtigen "Danke" entgegen und rückte es sich hinter den Kopf.
Hattori beobachtete ihn noch einen Augenblick lang misstrauisch, als könne er mit seinem Pullover noch andere Pläne als dem ihm zugedachten vorhaben, doch als er sah, dass der Dieb sich weiterhin brav verhielt und erneut teilnahmslos aus dem Fenster zu starren begann, nickte er zufrieden und konzentrierte sich wieder auf seinen finsteren Blick und die sinnlose Beobachtung des Ganges.
Noch etwas mehr als zwei Stunden bedrückenden Schweigens, dachte Kid mit einem weiteren innerlichen traurigen Seufzen, noch zwei Stunden, bevor sie gemeinsam seinem größten Widersacher, dem Meisterdetektiv im Schrumpfformat, zur Hilfe eilen konnten...


Unaufhörlich prasselte der Regen gegen das Dach und die Veranda, eine beinahe einlullende Atmosphäre, wenn nicht die ständige Gefahr wie ein Damoklesschwert über der kleinen Gemeinschaft gehangen hätte.
Auch Kid spürte die bedrückende Stimmung, starrte jedoch weiterhin beinahe teilnahmslos aus den leicht geöffneten Schiebetüren auf den steinernen Garten, nicht ohne dem kranken und verletzten Jungen in dem Raum gelegentlich einen flüchtigen Blick zuzuwerfen. Genau wie die fünf anderen jungen und alten Mönche in dem Raum besorgte ihn Conans Zustand, seitdem der Junge trotz des bemühten Einsatzes des Klosterarztes viel Blut verloren und schließlich Fieber bekommen hatte. Er selbst hatte nur wie durch ein Wunder überlebt, als die für Conan bestimmte zweite Kugel - statt sich in seine Lunge zu bohren - an einer Strebe des Gestells seines Gleiters abgeprallt war, wie ihm einer der Mönche mitgeteilt hatte, und er sich nun in ihren Reihen vor einem weiteren, diesmal wohl endgültigen Tötungsversuch verbarg.
Alle Köpfe in dem Raum zuckten alarmiert herum, als aus einem Zimmer im gleichen Flur ein charakteristisches Husten erklang, das verabredete Zeichen, wenn einer der Räuberbande sich diesem Raum näherte! Hastig legten drei der jüngeren Priester den Jungen wieder in das Versteck unter dem Fußboden zurück und schoben die Reisstrohmatten darüber, gerade noch rechtzeitig bevor eine Schiebetür sich mit einem lauten Rascheln kraftvoll öffnete und drei Männer den Raum betraten! Es waren dieselben zwei streitenden Kerle, die Kid schon früher aus dem Versteck heraus gehört hatte, wie er an den Stimmen erkannte - ihre Gesichter dagegen hatten sie hinter dunklen Skimasken verborgen -, und ein weiterer hagerer Mönch mittleren Alters, der beim Laufen verzweifelt auf die zwei anderen einzureden versuchte:
"Aber ich bitte Sie, was soll ich den Leuten sagen, die den Tempel besuchen wollen? Sie können doch nicht einfach die Tore verschließen..."
"Fresse!", schnitt ihm der Ältere harsch das Wort ab. "Wir halten das Kloster solange unter Verschluss, bis ihr uns den Kleinen ausgeliefert habt, und wenn ihr dabei verhungert!"
"Das kann doch nicht sein, dass das Balg und die Leiche einfach so verschwinden!", brüllte der jüngere der beiden aufgeregt, während er ungläubig mit den Armen gestikulierte, das Gewehr an einem Riemen über seiner Schulter einsatzbereit an seiner Seite baumelnd. "Die müssen hier irgendwo sein, und wir werden sie finden!"
Dann waren sie auf der anderen Seite des länglichen Raumes durch eine weitere Schiebetür verschwunden, die fünf Mönche und der Dieb wieder allein mit dem verletzten Jungen unter dem Fußboden.
Wieder schoben sie die Reisstrohmatten zur Seite und hoben den jungen, halb im Fieberwahn liegenden Detektiv aus der schmalen Kuhle, um ihn wieder daneben mit einem Kissen und einer Decke auf den Boden zu betten.
"Wir müssen unbedingt die Polizei rufen, sonst stirbt er vielleicht, wenn wir uns nicht beeilen!", teilte einer der jüngeren Mönche aufgeregt seine Besorgnis mit.
"Aber wie? Sie verschließen alle Wege nach draußen und drohen jeden zu erschießen, der zu fliehen versucht. Und wir haben kein einziges funktionierendes Telefon mehr!", jammerte ein anderer.
Alle Augen richteten sich auf den jungen Meisterdieb, der nach wie vor scheinbar teilnahmslos nach draußen auf den verregneten Garten starrte.
"Glaubst du, dass du es vielleicht schaffen könntest? Trotz deiner Gehirnerschütterung?", wagte der Älteste unter ihnen schließlich in ruhigem Tonfall, ein mitleidiger und gleichzeitig hoffnungsvoller Ausdruck in seinen Zügen.
Tapfer verdrängte Kid seine Kopfschmerzen und den Schwindel, die ihn seit seinem Sturz vor vielen Stunden an Ort und Stelle lähmten, versuchte weiterhin sich nichts von seinen Schmerzen und seiner Übelkeit anmerken zu lassen. Schließlich nickte er zögernd, ohne den Blick von seinem Fixpunkt im Garten abzuwenden.
"Ich verstehe", seufzte der alte Abt verständnisvoll, "Du kannst nicht zur Polizei, ohne dass man dich als Zeugen nach deiner Identität fragen und notfalls für eine Weile festhalten würde."
Endlich wandte Kid ihm das Gesicht zu und sah ihn ernst an:
"Ich könnte statt dessen zu seinen Freunden gehen und sie die Polizei rufen lassen", schlug er vor, während sein Blick seinen jungen Widersacher streifte.
"Nein!" Alle Augen wandten sich überrascht zu Conan, der fiebernd diesen verzweifelten Protest ausgesprochen hatte. "Nicht zu Ran oder Agasa! Wenn er verfolgt wird, werden auch sie in Gefahr gebracht!"
Stumm betrachtete Kid den kranken Detektiv, der ihn trotz seines üblichen stolzen Verhaltens mit einer flehenden Verzweiflung in den fiebrigen Augen fixierte. Und leider hatte er recht, wie der Dieb zugeben musste. Er hatte schon bei Conans Rettung die Motorradfahrer bemerkt, die den Jungen verfolgt hatten, und war er sich in seinem schwachen Zustand wirklich sicher, dass er sie erfolgreich täuschen oder abschütteln könnte...? Wenn er sie direkt zu Conans Freundin, seinem alten Nachbarn oder anderen Unschuldigen führte, wer wusste schon zu welchen drastischen Methoden sie greifen würden, selbst wenn zumindest ihr Anführer nichts vom Töten von Kindern und Geistlichen hielt...
"Aber zu wem soll ich dann?", fragte er ihn schließlich tonlos.
Conan hustete kurz und schmerzvoll, bevor er erschöpft antwortete:
"Hattori... Heiji Hattori, er wird mit Sicherheit bald aus Ôsaka nach Tôkyô kommen um nach mir zu suchen, du kannst ihn fragen..."
Heiji Hattori, der sogenannte Meisterdetektiv des Westens. Kid nickte unmerklich als Zeichen dafür, dass er verstanden hatte und trotz schwerster Bedenken einverstanden war. Wie Conan Edogawa oder sein ehemaliger Klassenkamerad Saguru Hakuba bedeutete auch Hattori eine große Gefahr für ihn, aber anders als die Polizei würde der Detektiv mit Sicherheit nicht als erstes nach seinem Personalausweis fragen. Und selbst wenn er Verdacht schöpfen sollte, so hoffte Kid, dass das Pflichtgefühl des Detektivs so ausgeprägt war, dass er in seinen Prioritäten die Rettung Conans weit vor die Ergreifung eines international gesuchten Juwelendiebs setzte...
"Ich hole dir etwas anderes zum Anziehen, in dem Gewand wirst du es nicht leicht haben dich zu bewegen!", bot ein weiterer Mönch in den Vierzigern ihm dankbar an und erhob sich um gleich darauf das Zimmer zu verlassen.
"Ihr vertraut mir also?", fragte Kid den alten Abt genauso tonlos wie bei seinen letzten Worten, während ihm der andere Mönch nach mehreren Minuten mit einem verlegen-entschuldigenden Blick einen geschmacklosen und abgetragenen hellblauen Jogginganzug sowie ein paar alte Turnschuhe überreichte, vielleicht die letzte weltliche Kleidung, die er noch besaß.
Der Abt nickte nur feierlich:
"Ja, wir vertrauen dir", bekräftigte er seine Geste noch einmal, als störe es ihn nicht, dass er soeben eine überlebenswichtige Mission einem weltweit gejagten Verbrecher übertragen hatte.
Ebenso ernst erwiderte Kid die leichte Verbeugung der hoffnungsvoll dreinblickenden Mönche, dann rannte er los, nach draußen, zur Mauer... und hinter ihr zur Freiheit! Es hatte in der Zwischenzeit zu regnen aufgehört.


"Wir sind da!", riss Hattori nach wie vor schlecht gelaunt den Dieb aus seinen Gedanken.
Ein kurzer Blick nach draußen bestätigte diese Aussage, der Zug rollte nur noch langsam an hohen Gebäudeschluchten vorbei, bis das äußere Ende der Bahnsteige zu sehen war.
Der Detektiv zögerte sichtlich, als die übrigen Passagiere sich schon in Richtung Ausgang an ihnen vorbeidrängten, er schien immer wieder aufstehen zu wollen, blieb dann aber jedes Mal nach einem nervösen Blick zu seinem kriminellen Begleiter doch unschlüssig sitzen.
"Ich werde nicht weglaufen", versicherte ihm Kid seufzend, während er ihm seinen Pullover zurückgab. Zumindest noch nicht...
Das schien Hattori noch nicht ganz beruhigen zu können. Während er sich seinen Pullover wieder hastig überstreifte, beobachtete er den Dieb mit aufmerksamem Misstrauen, dann endlich nickte er resignierend und stand schließlich doch auf, um sich in die Reihe der aussteigenden Fahrgäste einzureihen.
Betrübt folgte ihm Kid auf den Bahnsteig, trauerte in Gedanken den glücklicheren Stunden nach, als Hattori ihn noch vor kurzer Zeit für seinen besten Freund gehalten und ihn mit übertriebener Fürsorge liebevoll gepflegt hatte, statt ihm nur scheinbar unstillbare Wut und Misstrauen entgegenzubringen. Doch für solche nostalgischen Gefühle hatte er nun definitiv keine Zeit, wie er innerlich bedauerte, denn diese lief ihnen nach wie vor gnadenlos davon! Er hoffte nur, dass es noch nicht zu spät war...


Eng eingepfercht zwischen mehreren schicken japanischen Villen erhob sich das imposante Tor aus schwerem unpoliertem Holz, ein bronzenes Schild kündete in geschwungenen Schriftzeichen den Namen des Gebäudes dahinter an, der Tempel des Himmelsdrachen. Hinter der großen Steinmauer konnte man das hohe Schrägdach des Hauptgebäudes erkennen, das an den Tempel angeschlossene kleine Kloster blieb dagegen von der Straße aus unsichtbar, hinter weiteren Gebäuden versteckt selbst für den einfachen Tempelbesucher gut verborgen.
Das Tor, das üblicherweise jedem Besucher und Gläubigen offenstand, war geschlossen. Ein handgeschriebener Zettel hing notdürftig an der kleinen im Tor eingelassenen Tür befestigt, für jeden Passanten gut sichtbar:
"Wegen ritueller Reinigung vorübergehend geschlossen!", las Hattori das Geschriebene mit verblüffter Miene laut vor. "Rituelle Reinigung? Dass ich nicht lache!" Frustriert stemmte der Detektiv beide Fäuste in die Hüften und betrachtete mürrisch das breite Tor und die Mauern zu beiden Seiten, als könne er ihnen einen bitter benötigten Hinweis abringen. "Also stimmt es doch...", murmelte er schließlich ergeben, als ob er jemals an den Worten des Diebs gezweifelt hätte.
Kid hielt sich neben dem Detektiv, mit ein zwei Metern Abstand, die Kapuze seines anthrazitfarbenen Pullovers so gut es ging über seinen kurzgeschorenen Schädel gezogen, und schwieg. Das Tor war noch immer zu, also hatten die Mönche den Jungen weiterhin nicht ausgeliefert. Hieß das, dass es noch Hoffnung gab...? Er hoffte es, denn selbst wenn es sich um seinen Widersacher handelte, er wollte nicht verantwortlich sein für dessen Tod, durch seinen Fehler...


Kid rannte. Trotz seines Schwindels hatte er es problemlos über die hohe Mauer geschafft, doch sie mussten seine Flucht irgendwie bemerkt haben, er meinte bei seinem Sprung über die Mauer aufgeregte Schreie gehört zu haben... oder hatte er sich das nur eingebildet? Doch wie auch immer es war, die Motorradgeräusche waren real gewesen, sehr real! Bedrohlich schienen sie immer um ihn herum zu sein, immer unsichtbar, doch jederzeit bereit hinter der nächsten Ecke aufzutauchen, immer auf der Jagd nach ihm... und Kid rannte weiter!
Für einen kurzen Moment zögerte er. Sollte er sich vor ihnen verstecken und warten, bis sie die Suche aufgaben? Er fühlte sich schwach, ungewohnt schwach, schwach und verletzlich, es war als würden seine Beine jederzeit unter ihm nachgeben, während die Welt sich weiter um ihn drehte und schwankte... Aber nein, er konnte nicht anhalten, denn er war sich nicht sicher, ob er dann jemals wieder losrennen würde! Und er musste weiter, Hattori finden und abfangen, denn nur dann könnte er Conan und die Mönche retten, ohne seine Identität verraten zu müssen oder Unschuldige in Gefahr zu bringen, er musste...
Aber wohin musste er? Zum Flughafen? Narita oder Haneda? Oder zum Bahnhof? Tôkyô oder Ueno? Nein, nicht Ueno, Tôkyô... Hattori würde mit Sicherheit mit dem Zug kommen, und der Zug aus Ôsaka kam im Tôkyô-Bahnhof an, er musste dorthin, unbedingt...
Ein U-Bahn-Schacht, und Kid trippelte so schnell er konnte die Treppen hinunter, durchquerte die Schranke zum Bahngleis ohne zu zahlen - womit auch? Er hatte kein Geld.
Endlich, die Motorradgeräusche waren verstummt, wurden durch das ständige Grollen von nahenden U-Bahnen ersetzt. Doch die Welt drehte sich noch immer, wie bei einem Erdbeben wankte der Boden unter seinen Füßen, schien ihn ununterbrochen abwerfen zu wollen! Doch die wenigen Fahrgäste um diese Uhrzeit blieben alle kerzengerade auf dem Boden stehen, beobachteten ihn angewidert aus den Augenwinkeln heraus, als wäre er hoffnungslos betrunken... und bei Gott, ihm war so schlecht als wäre er es! Am liebsten wollte er sich übergeben...
Wie durch ein Wunder überstand er die rüttelnde Fahrt im Untergrund ohne sich zu erbrechen, doch was war mit den Leuten um ihn herum? Alle sahen ihn so seltsam an. Aber war es wirklich bei allen nur Abscheu vor dem seltsamen scheinbar betrunkenen Mönch in diesen scheußlichen Klamotten? Was war mit dem einen Mann in der Lederjacke, der ihn so hämisch angrinste? War das nur Schadenfreude in seinen Augen? Ergötzte er sich an seinem Leid, oder war es die Freude sein Opfer doch noch eingeholt zu haben, um es in einem ruhigen Moment, wenn sie allein wären, genüsslich zu töten...? Und warum drehte sich die Welt noch immer so sehr...? Er musste hier raus...
Als die Bahn an der Untergrundstation des Tôkyô-Bahnhof anrollte, wartete er einige Sekunden, bis alle Passagiere ausgestiegen waren, und hechtete dann aus den Türen, als das Schließungssignal schon längst ertönte. Hatte er seinen mysteriösen mutmaßlichen Verfolger abgehängt? Wer wusste es schon, doch er musste weiter, immer weiter...
Er befand sich im Untergrund des Bahnhofsgebäudes, ein Pfeil nach oben zeigte die Richtung zu den Rolltreppen und den Einkaufspassagen an, ein anderer wies zu den Bahnsteigen der Fernzüge, ein drittes unauffälligeres Schild kündete die nächsten öffentlichen Toiletten an. Ein kurzes Zögern, dann schlug er die Richtung der Toiletten ein, ihm war so schlecht... Eine Treppe aus Beton, ungefähr zwanzig Stufen nach unten, ein einfaches metallenes Geländer, am Fuße der Treppe die rettende Tür zum Männerklo... und dann gaben seine Beine unter ihm nach! Seine Hände langten nach einem rettenden Halt, schlossen sich jedoch nur um leere Luft, und er spürte, wie er wie in Zeitlupe nach hinten kippte... und die Ereignisse wiederholten sich - ein harter Aufprall, ein explodierender Schmerz in seinem Hinterkopf... und um ihn herum... nur... noch... Schwärze...
Die Toiletten... ..so nah.. er musste es schaffen...


Kid wartete weiter, schweigend, in sich gekehrt. Bis auf den letzten Teil, wie er es doch noch in die Toilettenkabine geschafft hatte, konnte er sich nun an alles erinnern. Und er war nicht stolz darauf!
Offensichtlich hatte er bei seiner Flucht hohes Fieber gehabt, warum sonst hätte er so irrational gehandelt? Warum sonst hätte er eine solche unprofessionelle Paranoia entwickeln sollen...?
Neben ihm hatte Hattori sein Handy gezückt und suchte eine Nummer aus seiner Adressliste heraus, während er ihm Zeichen machte sich mit ihm ein Stückchen von dem Tempelgelände zu entfernen.
"Hallo, hier Heiji Hattori!", meldete sich der Detektiv nicht ohne eine Spur Stolz in der Stimme ins Telefon. Offensichtlich hatte er nicht die übliche Notrufnummer gewählt, sondern eine spezielle interne Nummer. Eingebildetes Polizistenbalg, wie Kid mit einem inneren Augenrollen dachte, doch selbst in seinen Gedanken kam er sich seltsam tonlos und betrübt vor, keine Spur von dem Spott, den er sonst gegenüber dem angeberischen Verhalten der Jungdetektive wie Hakuba oder Edogawa übrig hatte...
"Ja, ich weiß von mindestens 5 Männern, die das Kloster als Geisel halten, möglicherweise auch mehr, die genaue Zahl ist unbekannt. Und es wird mindestens ein Krankenwagen und Notarzt gebraucht! Sagen Sie ihnen, dass sie Blutkonserven der Gruppe 'B - Rhesus positiv' mitnehmen sollen, es handelt sich um eine Schusswunde im Bein, die sich möglicherweise entzündet hat!" Hattori biss die Zähne zusammen, als er schließlich alle nötigen Informationen, die er von Kid bekommen hatte, übermittelt hatte. Auch er hoffte sichtbar, dass sie nicht zu spät gekommen waren...
Ein simpler Telefonanruf, nichts weiter, würde danach alles wieder gut werden? Es sah nach außen hin so einfach aus, selbst wenn der Anschein täuschen mochte. Auch er hätte mit notfalls verstellter Stimme telefonieren können, war auch daran das Fieber schuld, dass er lieber vor unsichtbaren Verfolgern davongelaufen war und sich halb wahnsinnig geworden in eine dreckige Toilettenkabine geflüchtet hatte? Wenn Edogawa starb, dann war dies alles seine Schuld...
"Die Polizei und die Spezialtruppen werden in ein paar Minuten eintreffen", berichtete der Detektiv mit ernstem Ausdruck was der Dieb schon längst wusste, während er sein Handy wieder in der Jackentasche verstaute.
"Ja", bestätigte Kid. Einfach nur, weil er das Gefühl hatte, dass der Detektiv eine Antwort von ihm verlangte.
Überrascht sah ihn Hattori von der Seite aus an, fassungslos über seine Reaktionslosigkeit:
"Na dann... worauf wartest du noch?"
In gespielter Verwunderung hob der Dieb beide Brauen:
"Was meinst du...?", fragte er erstaunt nach, doch der Detektiv hatte sich offenbar von seinem Spiel nicht täuschen lassen, und sein Gesicht verdunkelte sich zusehends vor Ärger:
"Verschwinde endlich!", zischte er leise, dann wandte er sich demonstrativ von ihm ab, als hätte er diese Worte niemals ausgesprochen, als hätte er den Meisterdieb 1412 niemals gesehen...
Und endlich lächelte Kid wieder zaghaft:
"Danke!", murmelte er feierlich, so leise, dass Hattori es gerade noch hören musste. Dann verschwand er lautlos in den Schatten.


Von den zahlreichen Einsatzfahrzeugen ging ein konstantes rotes Licht aus, das sich in der beginnenden Dunkelheit in regelmäßigen Abständen an den Wänden brach und die Straße in ein regelmäßiges Flackern tauchte. Doch Heiji nahm nichts von alldem wahr, sein Blick hing an dem Jungen auf der Krankentrage, der von ernst dreinschauenden Rettungssanitätern eilig zum Krankenwagen gezogen wurde. Conan war bewusstlos, eine beunruhigende Blässe auf seinen Zügen, doch eine Blutkonserve hing schon an seinem Arm und pumpte ihm unaufhörlich wieder Leben in seine Adern. Der Notarzt nickte dem jungen Detektiv zu, bemüht um einen freundlichen und aufmunternden Blick:
"Keine Sorge, ich denke er hat das Schlimmste schon hinter sich gebracht, er wird überleben!", beruhigte er den besorgten jungen Mann, doch die Vorsicht in seiner Stimme war dennoch nicht zu überhören. Dann wandte er sich um zu seinem Auto, während die Sanitäter den Verletzten in den Krankenwagen zogen und die Türen schlossen, Heiji von seinem besten Freund abschnitten. Doch er hielt sie nicht auf, verlangte auch nicht ihn ins Krankenhaus begleiten zu dürfen, er wusste, dass er in seinem aufgekratzten Zustand für mehr Ärger sorgen würde als es ihn beruhigen könnte.
Völlig entnervt ließ er sich gegen die Steinmauer des Tempelgeländes sinken, starrte mit zu Schlitzen verengten Augen zu den letzten Einbrechern hinüber, die gerade in Handschellen und von jeweils einem bis zwei muskulösen Polizisten festgehalten in den Polizeibus geführt wurden.
Conan hatte trotz der langen Zeit ohne fortgeschrittene medizinische Hilfe überlebt, ja. Mit Sicherheit hatte er sich wie immer durch eigenes Verschulden in eine solche Gefahr gebracht, ohne Zweifel. Und doch war es für Heiji viel leichter die Sorge um seinen Freund zu ertragen, wenn er einen Sündenbock fand, auf den er seinen gesamten Hass übertragen konnte! Und wer war dazu besser geeignet als die sechs Kunsträuber, die in dem benachbarten Museum wertvolle Goldschätze stehlen wollten und den Jungen, der sie dabei ertappt und aufgehalten hatte, mit Gewehren gejagt und angeschossen hatten? Die um den einzigen Zeugen zum Schweigen zu bringen, der durch Zufall ihr Gesicht gesehen hatte, ein ganzes Kloster drei Tage lang als Geisel gehalten und dabei auch den Tod des Jungen in Kauf genommen hatten?
Oder sollte er die Schuld doch besser auf Kid schieben, dem weltweit gejagten Juwelendieb, der sich zwei Tage lang von ihm, Heiji Hattori, dem Meisterdetektiv des Westens, als sein bester Freund hatte aushalten lassen und ihn gründlich an der Nase herumgeführt hatte, statt eine wirkliche Hilfe bei der Rettung Conans zu sein...?
Langsam ließ Heiji sich mit dem Rücken an der Wand heruntergleiten, bis er mit angewinkelten Beinen mit dem Hintern den kalten Boden berührte.
"Tut mir Leid, Kudô, es ist alles meine Schuld!", murmelte er schließlich beinahe unhörbar, unterdrückte das starke Verlangen vor Trauer, Wut, Verzweiflung, oder schlicht Hilflosigkeit auf der offenen Straße in seine eigene Faust zu beißen! Wer sonst hatte Kid beharrlich eingeredet, dass er Shinichi Kudô sei? Warum überhaupt war er auf die irrsinnige Idee gekommen, dass Shinichi aus dem Nichts heraus wieder groß geworden sein könnte, ohne gleich zu überprüfen, dass es sich wirklich um ein und dieselbe Person handelte? Warum sonst hatte er sturköpfig alle Indizien ignoriert, dass dieser wiedergefundene Freund sich keinen Augenblick lang so verhalten hatte wie es vermutlich selbst nach einem kompletten Gedächtnisverlust Kudôs natürliche Wesensart war...?
Weil er sich gewünscht hatte, dass es Kudô war. Dass er wieder der erwachsene Kudô geworden war, den er immer wieder nur für kurze Momente hatten erleben dürfen. Weil er sich aus tiefstem Herzen gewünscht hatte, dass der Alptraum endlich ein Ende hatte und sein bester Freund nach all der langen Zeit glücklich werden durfte. Und weil er überglücklich gewesen war, statt dem über die Jahre von seinem Schicksal zutiefst verbitterten Conan einen lebenslustigen und fröhlichen jungen Mann wiedergefunden zu haben, mit dem er gemeinsam unbeschwert lachen und den Alltag vergessen konnte, als gäbe es weder Sorgen noch Schwerverbrecher auf dieser Welt, denen er immer wieder furchtlos entgegentreten musste...
Und deshalb hatte er so sehr mit der Fallaufklärung getrödelt, bis es beinahe zu spät gewesen war.
"Du wirst wohl immer der bessere Detektiv bleiben", gestand er endlich genauso leise wie zuvor, sein leerer Blick auf die davonfahrenden Polizeifahrzeuge mit den Gefangenen gerichtet.
"Ich... nehme an, dass dir eine weiße Taube den Weg zu uns gewiesen hat?"
Heiji hob den Blick und erkannte ohne große Überraschung einen der älteren Mönche neben sich stehen, der gleiche etwas fülligere, gütig blickende Mann mit glänzender Glatze, den er die Unterhaltung mit der Polizei hatte führen sehen - der Abt?
'Weiße Taube' - eine sehr poetische Umschreibung für den Dieb. Er war ihm die letzten Tage vielmehr wie ein verletzter Kuckuck vorgekommen...
"Es war nicht seine Schuld, dass es so lange gedauert hat, sondern meine. Es tut mir aufrichtig Leid", erklärte der junge Detektiv tonlos, bemühte sich jedoch noch soviel Höflichkeit zu erübrigen, dass er aufstand und dem Abt gerade stehend entgegensehen konnte. Er fühlte sich seltsamerweise dazu verpflichtet die Gerechtigkeit zu Gunsten Kids aufrechtzuerhalten, ohne recht zu wissen warum eigentlich.
Der alte Mönch sah ihn einen Augenblick lang milde überrascht an, doch er erwiderte nichts, wandte sich anschließend ebenfalls schweigend den nach und nach abfahrenden Streifenwagen zu, nur ein paar wenige Wagen blieben schließlich übrig und nahmen vermutlich weiter erste Zeugenaussagen für das Protokoll auf. Nach einigen Minuten des gemeinsamen Wartens brach er endlich beiläufig das Schweigen:
"Ich glaube nicht, dass Kid ein schlechter Mensch ist", meinte er schließlich völlig unverbindlich an die Allgemeinheit.
Auf welche Schlussfolgerung mochte er gekommen sein? Dass Heiji deshalb mit zwei Tagen Verspätung gekommen war, weil er stattdessen Kid gejagt oder gar gefangen hatte?
"Er ist ein international steckbrieflich gesuchter Dieb!", erwiderte der Detektiv wiederum emotionslos, es klang selbst in seinen eigenen Ohren beinahe völlig desinteressiert.
Der Abt nickte nachdenklich, ließ sich jedoch nicht beirren:
"Hat er dir erzählt, dass er dem Jungen das Leben gerettet hat und beinahe an seiner Stelle die Kugel abgefangen hätte? Es ist ein Wunder, dass er diese Rettung nicht mit dem Leben bezahlt hat, stattdessen ist er mit ein paar blauen Flecken und einer Gehirnerschütterung davongekommen", berichtete er ruhig, wartete geduldig einige Sekunden, wie um sich die Aufmerksamkeit des Detektivs zu versichern.
Heiji antwortete nicht, doch vor seinem inneren Auge erschienen unzählige blaue Flecken auf weißer Haut, ein weiterer gelblicher Fleck und eine frische Schürfwunde unter kurzgeschorenen Haaren...
"Trotz dieser Gehirnerschütterung ist er losgelaufen um Hilfe zu holen, obwohl er wusste, dass er sich damit einer großen Gefahr aussetzte. Ich habe ihm vertraut, und dass du hier bist zeigt, dass ich mein Vertrauen nicht in die falsche Person gesetzt habe." Endlich wandte er sich zu Heiji um, sein Gesicht von der letzten verbliebenen Signalleuchte immer wieder rot beleuchtet:
"Glaubst du tatsächlich, dass so ein Mensch wirklich böse sein kann?"
Als er einsah, dass der junge Detektiv keine Reaktion zeigen wollte, wandte er sich schließlich seufzend um und trat zurück durchs Tor in die Tempelanlage.
Heiji blieb allein zurück und starrte auch weiterhin mit toten Augen ins Leere, mit verschränkten Armen an die kalte Mauer gelehnt.







Sechster und letzter Teil
Tags: fanfics, heiji, kaito
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