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Blackout - Teil 3

Blackout - Teil 1

Blackout - Teil 2







Gut gelaunt ließ sich Heiji neben dem frisch gebadeten und rasierten Shinichi im Schneidersitz auf das Bett plumpsen, rückte sich am Kopfteil ein Kissen hinter den Rücken zurecht und schlug das erste der dicken Fotoalben auf seinem Schoss auf. Interessiert rückte der andere Detektiv in warme Decken geschlungen ein Stückchen näher, um einen besseren Blick auf die Bilder haben zu können, hielt dabei vorsichtig seine Teetasse umklammert, um nichts von dem heißen Inhalt zu verschütten. Und dann erstarrte er:
Auf dem ersten Bild war ein kleiner Junge zu erkennen, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Hinter ihm hockte ein deutlich jüngerer Heiji, der ihm eine gebräunte Hand auf die Schulter legte, sein Gesicht ungefähr auf die gleiche Höhe gebracht, und grinste frech in die Kamera.
Doch es war nicht Heiji, der Shinichi irritierte, obgleich es faszinierend war, ihn auf einen Schlag so verjüngt zu sehen. Es war der Ausdruck auf dem Gesicht des Jungen. Er wirkte eindeutig genervt, als sei es eine lästige Pflicht gemeinsam mit dem fröhlich grinsenden Jugendlichen für ein Foto posieren zu müssen, doch das mochte normal sein für ein Kind. Was nicht normal war, war der Blick der blauen Augen hinter der übergroßen Brille - ernst, zu ernst, und vor allem viel zu alt! Aus diesen Augen sprach Wissen, Wissen erworben durch zuviel grausame Lebenserfahrung, welcher Art auch immer. Dieser Junge war alles, nur kein normales Kind!
"Ist das...?", begann er schließlich leise, zögerlich, doch Heiji antwortete noch bevor er den Satz zuende bringen konnte:
"Conan Edogawa, ja. Das bist du, Kudô!"
Fröstelnd lehnte sich Shinichi zurück, legte den Kopf vorsichtig ein Stück weiter in den Nacken, bis er die Wand berührte. Der Druck seiner Hände um die warme Tasse verfestigte sich leicht, als suche er einen Halt, an den er sich klammern könnte. Es war schon nicht leicht zu akzeptieren gewesen, als Heiji ihm vor wenigen Stunden eröffnet hatte, dass er bis vor drei Tagen noch im Körper eines Grundschülers gesteckt hatte. Ein Teil seines Verstandes hatte noch immer diese unglaubliche Wahrheit geleugnet, obwohl er seinem neuen alten Freund vertraute. Doch ein Foto zu sehen von diesem... Nicht-Kind, das er gewesen sein sollte, das war vielmehr unerträglich.
"Alles in Ordnung mit dir?" Heiji sah ihn besorgt von der Seite an, seine anfängliche Fröhlichkeit schon mit diesem ersten Bild verschwunden. Doch es sprach auch Hoffnung aus seinem Blick...
"Kannst du dich jetzt an etwas erinnern?", wagte er vorsichtig.
Shinichi ließ sich einen weiteren Moment Zeit, die Gedanken nach innen gekehrt. Dann schüttelte er bedauernd den Kopf. Es gab eine Veränderung in ihm, er spürte es, genau genommen seitdem Heiji ihm die Theorie über seinen Fall eröffnet hatte, es war als fühlte er nun die Mauer vor seinen Erinnerungen... doch es reichte noch nicht aus, um den Damm zu brechen.
"Nein, noch nicht", wiederholte er seine innere Erkenntnis. "Aber ich glaube wir sind auf dem richtigen Weg. Mach weiter", forderte er seinen Freund auf.
Heiji nickte ernst, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf das Album und blätterte zur nächsten Seite. Und eine weiter. Immer weiter, während Shinichi aufmerksam die Bilder studierte.
Conan Edogawa wirkte nicht auf allen Bildern so unheimlich erwachsen, immer wieder sah man ihn ebenfalls breit grinsen oder gar lachen, doch selbst diese scheinbar kindlichen Mimiken schienen falsch zu sein, gekünstelt, eine einzige Maskerade. Heijis Worte fielen ihm wieder ein...
'Du warst so damit beschäftigt entweder das perfekte Kleinkind zu spielen oder aber als Gegensatz dazu betont erwachsen wirken zu wollen, dass du meistens einfach vergessen hast wie man ehrlich lacht'
Ja, genau das beschrieb den Jungen namens Conan sehr gut, wie er befand. Ein Jugendlicher, der vielleicht in Heijis Alter war, der jedoch schon viel zu früh erwachsen werden musste und versuchte ein Kind zu spielen, um nicht aufzufallen. Doch immer wieder blitzte auf einzelnen Bildern seine wahre Natur durch, auf Schnappschüssen meist, wenn er nicht bemerkte, dass ihn jemand für die Ewigkeit festhielt. Dann sah man die stolze und gerade Haltung eines Erwachsenen, melancholisch und einsam in einer Welt die über Nacht zu groß für ihn geworden war und ihn nicht mehr ernst nehmen wollte, eine schwere Bürde auf den viel zu schmalen Schultern, die jede Hoffnung zunichte machte ihn doch noch rückwirkend zu einem wirklichen Kind werden zu lassen. Nur in der Nähe einer Person, die immer wieder auf den Bildern auftauchte, sah man gelegentlich ein zaghaftes ehrliches Lächeln seine Züge entspannen, nur sie schien in seinem Herzen die Sorgen ein wenig erträglicher werden zu lassen, und sei es nur für einen kurzen Augenblick...
"Ran", erklärte Heiji leise, als hätte er seine Gedanken erraten. Das Mädchen mit den langen braunen Haaren und dem Friede bringenden Lächeln, Conans große Liebe. Nein, Shinichi Kudôs große Liebe. Seine große Liebe...
Sie war bemerkenswert hübsch. Und mit jeder weiteren Seite schien ihr herzerwärmendes Charisma zuzunehmen, bis sie sich allmählich in eine natürliche Schönheit verwandelte, eine junge Frau, der die Männer reihenweise zu Füßen liegen mussten.
Doch sie liebte nur Shinichi Kudô, ihn...
Er durfte sich als Glückspilz bezeichnen, dass eine so wundervolle Frau ihn liebte, seit seiner Kindheit seine engste Freundin war. Dass sie in all den Jahren, wo er sie als Conan hintergangen und ihr nur Lügen erzählt hatte, noch immer treu und geduldig auf seine Rückkehr wartete...
Er empfand bei ihrem Anblick nichts. Sie war schön, sympathisch, ihr Lächeln bezaubernd und natürlich, ihr sanfter Blick herzerwärmend, doch er fühlte nichts, weder ein vages Schwärmen, noch unterdrückte Nervosität oder gar Widerwillen, einfach nichts. Eine völlige Leere. Es war als wäre sie nur ein schöner, aber unerreichbarer Traum aus einer Hochglanzzeitschrift, scheinbar lebendig und echt vor der Kamera, doch unwirklich für den Betrachter, als wäre sie nur eine Illusion und nicht real. Nur eine Person, die er immer und immer wieder auf den Bildern erkannte, brachte ihn zum Lächeln: Der Jugendliche, der immer wieder hinter dem seltsamen Jungen stand, ihm eine Hand auf die Schulter legte, ihn trotz seines protestierenden Gesichtsausdrucks auf seine eigenen Schultern hob, wie ein Schatten, der immer beschützend und wie selbstverständlich für ihn da war, immer mit einem fröhlichen Lachen oder einem frechen Grinsen auf den Lippen, als versuche er so die Bürde zu erleichtern, die das Nicht-Kind mit sich trug.
Heiji...
Es war immer wieder Heiji, der gemeinsam mit Ran und Conan jede weitere Bilderseite noch ein Stückchen wuchs, ein Stückchen älter wurde und unmerklich von dem damals siebzehnjährigen Jugendlichen zu einem prächtigen erwachsenen jungen Mann wurde, seine Haltung stolz und erhaben, und doch schien er anders als Conan das schelmische Funkeln in seinen Augen, das letzte Verbindungsstück zu dem Kind in ihm, niemals verloren zu haben. Er war schön, wunderschön...
Erst jetzt bemerkte Shinichi, wie nah er unbewusst allmählich zu dem anderen gerückt war, um die Bilder genauer betrachten zu können. Durch den Stoff seines T-Shirts hindurch konnte er die Hitze spüren, wo sich ihre Oberarme und Schultern berührten, und der süße und herbe Geruch, den er früher an diesem Tag schon bemerkt hatte, strömte von dem warmen Körper zu ihm herüber, erfüllte seine Nase, seinen Kopf, seine Sinne...
Beinahe schüchtern wanderten seine Augen nach oben, betrachteten scheu das Profil seines Freundes. Seine scharf geschnittenen ebenmäßigen Gesichtszüge, die stets gebräunte Haut, die vollen sinnlichen Lippen, die gerade Nase, die dunklen braunen Strähnen über seiner hohen Stirn, die grünen Augen mit den langen schwarzen Wimpern, die melancholisch und ernst auf die Bilder auf seinem Schoss starrten...
Unmerklich zuckten die breiten Pupillen, bevor die Wimpern sich in einem kurzen Schlag über sie senkten, und als sich die Augen gleich darauf wieder öffneten, war der schmerzhafte Stich in ihnen deutlich zu erkennen. Automatisch wandte Shinichi den Blick wieder auf das Fotoalbum... und konnte gerade noch erkennen, was auf dem Bild zu sehen war, das Heiji etwas hektischer als sonst schon umschlug.
Mit sanfter Gewalt blätterte er die Seite wieder zurück... und starrte nun ebenfalls ausdruckslos auf das einzelne Foto, das in Hochkant auf das Papier geklebt worden war. Ein glücklich lachendes Pärchen unter blühenden Kirschblüten, er hinter ihr, die Hände zärtlich vor ihrem Bauch zusammengelegt, und drückte sie liebevoll näher an sich, während sie sich nur allzu gerne an ihn lehnte, ihren Kopf an der durchtrainierten Brust ausruhte, eine Brust, die genau das gleiche schwarze Polohemd trug wie Heiji an diesem Tag...
Es war Heiji. Und das Mädchen mit der Schleife im Haar war die gleiche, die er ebenfalls auf vielen der Bilder bemerkt, aber Conan, Ran und Heiji zugunsten noch nicht seine volle Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Auch auf den nächsten Seiten sah er den sonnengebräunten jungen Mann mit der fremden jungen Frau in den Armen, beim Händchen halten, beim verliebten Blickaustausch, einmal sogar beim zärtlichen Küssen, das Foto vermutlich heimlich aufgenommen.
"Deine Freundin?", stellte Shinichi schließlich tonlos die überflüssige Frage. Er wusste nicht, warum er sich so übel und leer fühlte, doch aus irgendeinem Grund glaubte er, dass er schon die Haustür aufgehen glaubte, zierliche Frauenfüße in den Eingangsbereich reintapsen, ein fröhliches 'Ich bin wieder zu Hause, Schatz!' in die Wohnung rufen hörte, nur um das Mädchen vom Foto in das kleine Schlafzimmer stürzen zu sehen, die ihn sogleich von Heijis und ihrem gemeinsamen Bett verscheuchen und auf die Couch im Wohnzimmer verbannen würde. Und sie und ihren Freund Zärtlichkeiten austauschen zu hören, bis sie schließlich spät in der Nacht einschlafen würden, während er noch immer mit weit offenen Augen und Ohren auf der Couch liegen sollte, den Blick starr auf die kahle Zimmerdecke gerichtet...
"Sie ist nicht mehr meine Freundin", erklärte Heiji ruhig. Zu ruhig. So ruhig, dass Shinichi mehrmals blinzeln musste, bis er schließlich wissend nickte.
"Was ist passiert?" Er sprach in ebenso leisem Tonfall, und doch fühlte er sich schon fühlbar leichter... beruhigter...
Heiji ließ sich einige Sekunden Zeit mit der Antwort. Dann sprach er langsam, gedehnt:
"Es hat einfach nicht geklappt zwischen uns, so etwas passiert manchmal."
Diesmal traute sich Shinichi und sah ihm ins Gesicht. Der junge Detektiv sah zurück, lächelte künstlich... und blätterte schließlich demonstrativ weiter. Und tatsächlich, auf den folgenden Seiten die gleichen Szenen, das gleiche Paar, und doch wirkten die Gesten weniger zärtlich, die Blicke weniger liebevoll, routinierter, bis sie schließlich unübersehbar kühler wurden, frustrierter, genervter. Und dann war das Pärchen verschwunden, Heiji lächelte allein oder nur mit einem ebenfalls gealterten Conan oder anderen, bisher unbekannten Freunden zusammen in die Kamera, erst mit einem unterdrückten schmerzlichen Glitzern in den Augen, und mit der Zeit freier, unbeschwerter, bis endlich das alte ehrliche Grinsen und Lachen wieder zum Vorschein kam. Gelegentlich war auch Ran auf den Bildern zu sehen, erst mit einem verlegenen und unglücklichen Lächeln auf den sanften Zügen, doch auch sie fand mit der Zeit ihre Fröhlichkeit zurück. Heijis Ex-Freundin konnte er nur noch selten sehen, einmal auf dem Bankett einer Polizeifeier, wie die Uniformen mancher anderer Gäste verrieten, oder aber in dem üblichen Vierer- oder Fünferkreis, denn immer wieder schob sich auch eine junge Frau mit blondierten schulterlangen Haaren und frechem Grinsen vor die Kamera. Doch jedes Mal hielten die zwei ehemaligen Geliebten einen großen Abstand voneinander, häufig mit mehreren Personen zwischen ihnen, die Blicke wie automatisch in eine andere Richtung gewandt.
"Kazuha war meine Kindheitsfreundin, wie du und Ran es wart, vielleicht sogar noch mehr, da sie schon sehr früh keine Mutter mehr hatte", begann Heiji endlich langsam zu erzählen. "Sie war so etwas wie meine Schwester." Eine kleine Pause. "Das hätte sie vermutlich auch besser bleiben sollen..."
Shinichi unterbrach ihn nicht, wartete geduldig, dass er weitersprach.
"Wir waren zwanzig, als wir schließlich zusammengekommen sind, einfach so, es ist irgendwann einfach passiert." Er lachte leise auf, verlegen und traurig zugleich. "Sie hat mir danach gestanden, dass sie schon seit mehreren Jahren in mich verliebt gewesen war, und ich..." Verlegen fuhr er sich durch die Haare. "Ich muss wohl auch einiges für sie empfunden haben, auch wenn ich mir nie so sicher war, wo die geschwisterlichen Gefühle aufgehört haben und wo es womöglich doch mehr war..." Er schluckte leise. "Am Anfang hat es auch gut geklappt, wir hatten eine schöne Zeit. Aber dann..." Auf einmal wandte er sich energisch zu Shinichi, sah ihm entschlossen in die Augen: "Hast du dir jemals darüber Gedanken gemacht wie es wäre, wenn du dich plötzlich in deine eigene Schwester verliebst, sie küsst und... mit ihr schläfst? Nein, vermutlich nicht, du hast schließlich keine Schwester, und dein Verhältnis zu Ran ist schon immer völlig anders gewesen als meins zu Kazuha. Wir würden gut zueinander passen, haben die Leute immer verzückt gemeint, weil wir uns schon von klein auf aneinander gewöhnt hätten, wir würden ein ausgezeichnetes Ehepaar abgeben, sagten sie! Aber diese Leute haben offensichtlich nie mit ihrer eigenen Schwester geschlafen, auch wenn Kazuha nicht meine biologische Schwester ist. Wir kannten uns einfach zu gut! Und als die erste Verliebtheitsphase vorbei war, fing das Genörgel wieder an. Dann kam der Streit. Wir haben uns irgendwann dauernd gestritten, wie es Geschwister häufig tun, wir sind uns nur noch gegenseitig auf die Nerven gegangen!" Er schnaubte genervt auf. "Und die ständige Fragerei: 'Wo bist du gewesen?', 'Wen hast du getroffen?', 'Warum hast du mich nicht mitgenommen?' Und dann die Anschuldigungen: 'Du hast der Kuh da drüben auf den Hintern gestarrt!', 'Du Mistkerl hast der Bedienung in den Ausschnitt gespäht!'... Ich hatte es irgendwann einfach nur noch satt!"
Seine Haltung wurde mit einem Mal wieder unsicherer, dann sackten seine Schultern leicht nach vorne, sein Blick hing unfokussiert auf dem Fotoalbum auf seinem Schoß. Nach mehreren verstrichenen Sekunden fragte er schließlich zögerlich:
"Findest du jetzt auch, dass ich der größte Idiot bin?"
Verwundert sah ihn Shinichi an, doch obwohl Heiji nicht aufsah, schien er die Bewegung neben ihm richtig gedeutet zu haben:
"Als du noch Conan warst hast du das gedacht - und es mir damals ziemlich deutlich zu verstehen gegeben."
Verwirrt grübelte Shinichi darüber nach. Hatte er das wirklich gedacht, vor seinem Gedächtnisverlust...?
"Nein", erwiderte er schließlich nachdenklich. "Nein, ich denke nicht, dass du ein Idiot bist. Vielleicht hättest du das wirklich schon vorher erahnen können, dass eure Beziehung nicht klappen würde, aber wenn nicht... dann hättest du es vermutlich niemals erfahren, oder es vielleicht sogar bereut, dass du es nicht wenigstens gewagt hättest." Er zögerte unsicher. "Und am Ende wolltest du wohl nur deine Freiheit, wer könnte dir das verübeln...?"
Heiji sagte nichts, blickte ihm beinahe fassungslos in die Augen... und lachte dann los. Es war ein klares Lachen, hell und befreiend, dieses schöne Lachen.
"Du. Du hast es mir damals übelgenommen, du und Ran und Kazuha und meine Eltern, sogar ein paar meiner anderen Freunde!", grinste er amüsiert im völligen Gegensatz zu seinen Worten, auch wenn er den kleinen traurigen Zug um seine Mundwinkel herum nicht völlig zu verbergen vermochte.
So war das also, staunte Shinichi fassungslos. Auf den Bildern war immer er derjenige gewesen, der den Jungen namens Conan von seinen Sorgen erleichtern wollte, doch offenbar hatte auch Heiji seine eigenen Sorgen unbemerkt angesammelt und vor allen anderen versteckt, und er war damals im Kindeskörper nicht dazu fähig gewesen dies zu bemerken...?
"Vermisst du sie?", fragte er seinen Freund schließlich mitfühlend.
Heiji reagierte nicht sofort, schien über diese einfache Frage ernsthaft nachzudenken.
"Ja", antwortete er endlich schlicht. "Ich vermisse vor allem die schöne Zeit mit ihr, unsere Kindheit, unsere Freundschaft... Ich sagte ja, sie war für mich wie eine Schwester. Mit all den Freuden und Tücken, die so eine vertraute Beziehung mit sich bringen kann. Aber jetzt..."
Er seufzte. Und Shinichi entgegnete nichts. Wusste nicht, was er sagen sollte außer einem lächerlichen "Alles wird wieder gut, es wird eines Tages wieder so werden wie früher", doch es klang selbst in seinen Ohren falsch. Und Heiji seinerseits war intelligent genug zu wissen, dass sie sich vielleicht eines Tages wieder annähern könnten, es aber niemals das Gleiche werden würde, die gleiche unbeschwerte Geschwisterbeziehung, die Heiji so sehr vermisste... Also schwieg er und schenkte seinem Freund einen zugleich mitfühlenden, wie auch betroffenen Blick. Betroffen, weil er es war, der dieses unangenehme Thema zur Sprache gebracht hatte...
Als Heiji Shinichis Verlegenheit endlich bemerkte, zwinkerte er ihm mit neu erwachter - oder erzwungener - Fröhlichkeit aufmunternd zu, wie um ihm mitzuteilen, dass sie diese düstere Stimmung am besten gleich vergessen und verbannen sollten!
"Ich weiß noch immer nicht, was in den letzten Tagen passiert ist, Kudô", lächelte der junge Detektiv seinem Freund dankbar zu, "aber eines weiß ich sicher: Ich mag den neuen Kudô noch um vieles mehr als den alten!"
Verlegen sah Shinichi zur Seite, spürte eine leichte ungebetene Röte auf seinen Wangen aufglühen.
"Auch die Frisur?", wagte er halbherzig einen Scherz, während er sich demonstrativ mit der Hand über den kurzgeschorenen Schädel fuhr. "Ich fand meinen Frisör zu Conans Zeiten weitaus talentierter als meinen jetzigen..."
Wieder lachte Heiji dieses Mal ehrlich belustigt auf, das schöne helle Lachen, das auch auf Shinichis Gesicht ein glückliches Lächeln zauberte.
"Nein", pflichtete er ihm noch immer lachend bei, "ich mochte deine alte Frisur auch lieber." Halb grinsend, halb kichernd betrachtete er seinen kranken Freund noch einmal eingehend. "Mit diesem modischen Igelschnitt siehst du aus wie ein Mönch!"
...und riss erschrocken die Augen auf, während sein Unterkiefer sichtbar nach unten klappte:
"Aber... Vielleicht... Oh mein Gott, ich war ja so ein Idiot...!"
Verwirrt starrte Shinichi mit großen Augen zurück.
"Was meinst du...?", fing er unschlüssig an, doch Heiji hörte überhaupt nicht auf ihn:
"Oh Gott, ich habe mich die ganze Zeit darauf festgefahren, dass dir jemand die Haare geschnitten hat um deine Kopfwunde besser versorgen zu können. Aber bei der ersten Verletzung hat nichts geblutet, und der zweite Fall konnte schließlich erst sehr viel später im Bahnhof von Tôkyô geschehen. Warum sollte man also so radikal mit deinen Haaren umgehen? Ich war ja so blöd..."
Wortlos verfolgte Shinichi die Veränderungen in der Haltung und Mimik seines Freundes. Ein leuchtend grünes Feuer brannte in Heijis Augen, verriet das volle Erwachen des detektivischen Genies in ihm!
"Das heißt es muss einen anderen Grund geben, warum man dir die Haare geschoren hat! Aber was kommt dafür sonst noch in Frage außer Tarnung...?"
"Ich dachte... vielleicht hat mich die Schwarze Organisation gefunden und mir das Gegenmittel zum APTX gegeben und..."
"...und dir den Schädel rasiert, während sie dich im Labor festhielten und Experimente an dir durchführten?" Heiji lachte kurz humorlos auf und schmetterte so diese Theorie gnadenlos nieder. "Ich bitte dich, das wäre ein übles Klischee!" Er schüttelte entschieden den Kopf, das Funkeln immer glühender, ein Jäger, der erbarmungslos der Spur folgte, die er witterte:
"Wenn die Org dich gefunden hätte, dann hätten sie dich mit Sicherheit nicht einfach so leicht fliehen lassen! Und warum hättest du dann diesen Trainingsanzug getragen? Und warum sollten sie dir die Haare auf diese Länge kürzen...? Das ergibt alles keinen Sinn!"
Shinichi erwiderte nichts, doch innerlich rasten seine Gedanken und verfolgten nach und nach Heijis Argumente. Zwar flüsterte ihm eine innere Stimme zu, dass er sich bei dem ersten Punkt nicht ganz so sicher war, ob er nicht doch eine Chance gehabt hätte, doch in allem Weiteren stimmte er ihm in Gedanken zu. Dieser babyblaue Trainingsanzug passte einfach nicht zu einer brutalen Killerorganisation, der Gedanke allein wirkte einfach lächerlich! Und wenn er an die Vorstellung eines kulissenreifen Geheimlabors und sich selbst mit Elektroden auf dem Kopf dachte... Gruselig! Er war froh, dass dieses Bild so klischeehaft, so falsch war...
Er fröstelte unweigerlich.
"Aber was dann...?", sprach er seine Gedanken zögernd aus und drehte sich mit ratlosem Ausdruck zu Heiji um. Doch der junge Detektiv hatte seinen Platz soeben verlassen und lief von überschüssiger Energie getrieben im Zimmer auf und ab, beachtete nichts weiter als den eigenen kompliziert verschlungenen roten Faden seiner Schlussfolgerungen!
"Tarnung, das ist es! Wenn man die praktischen Gründe wie die Versorgung deiner Kopfwunde eliminiert, dann kann es nur noch heißen, dass man dich auf diese Weise verstecken wollte, so wurdest du auch nicht zurückgehalten, als du geflohen bist! Und als was könnte man dich mit dieser Frisur sonst ausgeben als für einen buddhistischen Mönch? Dann hat man dir diesen alten Jogginganzug gegeben, denn mit ihrer zeremoniellen Kleidung hättest du nicht fliehen können und wärst zu sehr aufgefallen, außerdem würde so ein altes geschmackloses Ding gut zu Mönchen passen, die keinen Wert mehr auf weltliche Kleidung legen!" Mit einem Ruck drehte er sich zum Kranken um, die glühenden Augen fixierten ihn eindringlich:
"Ist es nicht so? Hab ich recht?", fragte er ihn herrisch, fast ein Befehl! Dann erst schien er sich daran zu erinnern, dass sein Freund sein Gedächtnis vollständig verloren hatte, und sein Ton wurde wieder sanfter, doch auch drängender, verzweifelter...? "Bitte, sag mir, dass dir das wenigstens bekannt vorkommt, dass es wahrscheinlich ist...?"
Shinichi schluckte schwer, horchte jedoch dennoch aufmerksam in sich hinein. Es war nicht so, dass er bei diesen Worten nichts fühlte, irgendetwas in ihm war in heller Aufruhr, doch er konnte nicht genau benennen woran das lag. War es die unsichtbare Mauer, die sich um seine Erinnerungen gelegt hatte und langsam, Stück für Stück erste Risse zeigte, oder war es die normale Reaktion darauf seinen Freund so aufgeregt zu sehen...? Seine Theorie klang weit hergeholt, wenn nicht sogar lachhaft, und doch... Unmöglich war es nicht.
"Ich... weiß es nicht", antwortete er schließlich leise bedauernd. Und es entsprach vollkommen der Wahrheit.
Die Enttäuschung in Heijis Gesicht war dennoch nicht zu übersehen. Er seufzte laut auf, lief wie ein Raubtier im Käfig energisch ein paar Schritte im kleinen Zimmer auf und ab, bis er schließlich beide Arme entnervt und theatralisch zur Zimmerdecke hob, als klage er einen unsichtbaren Gott oder Buddha an, der ihm in dieser Angelegenheit nicht zur Hilfe eilte! Und Shinichi konnte ihn gut verstehen, wie er vergebens seine überschüssige kriminalistische Energie zu verausgaben versuchte, aber kein offenes Ventil dafür fand...
"Falls ich wirklich geflohen bin, wovor auch immer... warum bin ich dann in der Toilette des Tôkyô-Bahnhofs aufgewacht? Warum bin ich ausgerechnet da hingelaufen?"
Erfreut über die neue Aufgabe strahlte ihn Heiji glücklich an, und begann - mit dem typischen glühenden Funkeln in seinen Augen - laut nachzudenken:
"Das ist einfach, es handelt sich hier um das Offensichtlichste: Du hast nach mir gesucht!"
"Nach dir...?"
"Na sicher, du wusstest einfach, dass entweder Ran oder Agasa oder sogar beide nach deinem Verschwinden sofort nach mir rufen würden, und da war das Selbstverständlichste, dass ich direkt den Zug aus Ôsaka nehmen und am Tôkyô-Bahnhof ankommen würde, du wolltest mich abfangen!" Er stockte unsicher, als bedeuteten seine Worte eine weitere Erkenntnis. "Aber das würde heißen, dass du sehr verzweifelt gewesen sein musst, um das zu tun..."
Shinichi blieb stumm, das Kinn auf die angewinkelten Knie gestützt, sein Blick starr und ernst nach vorne gerichtet. Die schlechte Vorahnung, die er immer wieder kurz aufflammen gespürt hatte, loderte in diesem Moment so stark wie nie zuvor seit seinem Gedächtnisverlust, so sehr, dass es ihn beinahe an den Rand der Übelkeit brachte!
"Warum bin ich nicht geradewegs zur Polizei gelaufen, wenn ich so verzweifelt gewesen bin? Hätten die mir nicht weiterhelfen können?", brachte er seinen einzigen Einwand tonlos vor.
Heiji zögerte unglücklich, bevor er leise antwortete.
"Offensichtlich war es ein Fall, bei dem du unmöglich zur Polizei gehen konntest..."


Und ein weiteres Erwachen.
Dieses Mal war es jedoch anders als die anderen Male, es war ruhiger, weniger schmerzhaft, es fühlte sich warm und behaglich an...
WO WAR ER?!
Ein kurzer Moment der Panik, hatte er wieder alles vergessen? War er...?
Dann erinnerte er sich wieder und sein Herzschlag beruhigte sich, sein Atem erneut ruhig und flach, glücklich schmiegte er sich wieder in das weiche Kopfkissen und schlang die warme Decke noch ein bisschen enger um sich. Er war schließlich bei Heiji, in Sicherheit...
Heiji. Langsam tauchte auch sein Geist aus dem behaglich-benebelten Zustand des Schlafes auf und das Denken wurde leichter und klarer. Heiji hatte seine Hilfe am vorigen Abend freundlich, aber bestimmt abgewiesen und war stattdessen allein wach geblieben, um seiner Spur nachzugehen, wie er erklärt hatte. Mit nagendem schlechtem Gewissen, dass er seinem Freund und Detektivkollegen eine so schlechte Hilfe war, und dem pochendem Wunsch, dass Heiji so schnell wie möglich die Lösung für sein Verschwinden und die Zeit danach finden möge um endlich das beängstigende Gefühl in seinem Inneren verstummen zu lassen, war Shinichi schließlich erschöpft eingeschlafen. Nur ein gelegentliches Blubbern der Kaffeemaschine in der Küche und das leise Klicken der Computertastatur waren aus den Nebenzimmern an sein Ohr gedrungen...
Von seiner rechten Seite her drang schummriges Licht durch das Fenster. Zwar hielten die gesenkten Jalousien die meiste Helligkeit ab, aber dennoch reichte das wenige Tageslicht, um den kleinen Raum in ein gemütliches graues Zwielicht zu tauchen, das das Erwachen sanft erleichterte. Erst jetzt fiel dem Kranken auch das unaufdringliche und regelmäßige Geräusch auf, das von jenseits der Fensterscheibe zu vernehmen war. Draußen schien es leicht zu regnen.
Nicht, dass es Shinichi störte, das trübe Morgenlicht und das leise Wassergeplätscher hoben die Wärme und Gemütlichkeit des Betts nur noch mehr hervor, am liebsten wollte er niemals aufstehen und ewig in Heijis Laken verbringen.
Wieviel Uhr es wohl war? Und wo war Heiji? Sosehr er auch danach horchte, er hörte weder die Tastatur noch sonstige Geräusche aus der Wohnung...
Einen kurzen Schreckmoment lang zuckte er unmerklich zusammen, als er erst jetzt den liegenden Körper neben sich bemerkte! Links von ihm auf der Türseite lag Heiji, ausgestreckt an seiner Seite, doch mit soviel Abstand, dass sich ihre Körper nicht zu berühren brauchten.
Erleichtert und neugierig zugleich drehte sich Shinichi ein Stückchen weiter in seine Richtung, betrachtete mit der Wange auf der Hand abgestützt seinen schlafenden Freund. Ein paar zerstrubbelte braune Strähnen fielen dem jungen Detektiv wild über die entspannten Züge, sein Atem war flach und für menschliche Ohren kaum auszumachen.
Shinichi lächelte. Heiji sah auf eine männliche Art und Weise süß aus, wie er seine eigenen angewinkelten Arme als Kopfkissen missbrauchte und nur einen kleinen Teil seines Gesichts aus dem schwarzen Stoff eines seiner Ärmel hervorschauen ließ, ein schöner Anblick. So friedlich...
Dann erst bemerkte er die Decke, die Heiji um sich geschlungen hatte, eine einfache Wolltagesdecke, die vermutlich normalerweise auf der Couch gelegen hatte. Und dass er noch immer die gleichen Klamotten wie am letzten Tag trug. Und seitlich lag, so dicht wie möglich an den Rand gedrängt, so dass es nicht mehr viel brauchte um ihn vom Bett fallen zu lassen.
Shinichi schluckte bitter, als er sich selbst auf dem Bett liegen sah, die breite und warme Decke besitzergreifend um sich gewickelt, leicht schräg und breitbeinig, als hätte er die gesamte Bettfläche für sich allein! Offenbar hatte Heiji bis spät in die Nacht an seinem Computer gesessen, bis ihn die Müdigkeit doch noch eingeholt hatte, und sich dann ohne ihn stören zu wollen einen kleinen Platz zum Ausruhen gesucht hatte...
Er spürte, wie sich die Verlegenheit in ihm breit machte. Hoffentlich war Heiji nicht kalt geworden in der Nacht, seine dünne Decke sah lange nicht so warm aus wie seine eigene, dabei hätte sie problemlos für zwei gereicht...
Ohne weiter zu zögern arrangierte er die große Bettdecke so zurecht, dass er nur noch etwas weniger als die Hälfte beanspruchte, und wollte soeben vorsichtig den größeren Teil über den Schlafenden legen, als Heiji leise im Schlaf seufzte, sich langsam zu bewegen begann und schließlich seine Augen flatternd öffnete.
Shinichi erstarrte augenblicklich in seiner Bewegung, als sich die grünen Augen unfokussiert auf ihn richteten, müde, als ob sie durch ihn hindurchsehen würden...
"Mhhhmieviel Uhr isses...?", murmelte der junge Detektiv schließlich schlaftrunken, während sein Körper sich ein weiteres Mal schwerfällig regte. Hölzern versuchte er den Kopf leicht zu heben und seinen vermutlich völlig steifen Arm zu bewegen, auf dem er die ganze Zeit gelegen hatte, um letztlich wie eine Katze breit und lautlos zu gähnen, bis er sich reflexartig eine Hand vor den Mund hielt und anschließend etwas ungeschickt anfing mit den Fingerknöcheln den Schlaf aus den Augen zu reiben.
Nur ungern wandte Shinichi den Blick von diesem bezaubernden Schauspiel ab, dem er mit großen Augen fasziniert zugesehen hatte, nur um nach den großen grünen Zahlen der Digitalanzeige auf der anderen Bettseite zu sehen.
"Zehn nach acht", berichtete er knapp und drehte sich wieder zu seinem Freund um. Heiji hatte seinen Kopf wieder in beinahe der gleichen Position auf seinen Oberarm gelegt, nur dass der andere Arm nun locker an seiner Seite ruhte und sein Gesicht nicht mehr verbarg. Sein Blick wirkte noch genauso verschlafen wie schon eine halbe Minute zuvor, doch diesmal lag sein Fokus eindeutig auf ihm.
"So spät schon...?", bedauerte der Detektiv leise, doch Shinichi war sich nicht sicher, ob er seine Worte an ihn oder an sich selbst richtete.
Zehn nach acht. Spät? Doch Heijis Entsetzen über diese fortgeschrittene Morgenstunde schien sich in Grenzen zu halten, zumindest machte er keinerlei Anstalten sich ein weiteres Mal zu bewegen, er betrachtete nur weiterhin müde seinen kranken Freund.
Und Shinichi erwiderte diesen Blick nur zu gerne.
"Guten Morgen", begrüßte er Heiji lächelnd.
"Guten Morgen", wiederholte dieser verschlafen und erwiderte bereitwillig das Lächeln.
Eine Weile sagte keiner etwas, während sie einander nur still betrachteten, Shinichi fasziniert von den grünen Augen mit einem restlichen Schleier des Schlafes in ihnen, Heijis Gedanken dagegen vollkommen undeutbar.
"Hast... hast du gestern Nacht noch lange gearbeitet?", beendete Shinichi schließlich mit neuer unerklärlicher Schüchternheit die Stille und senkte verlegen die Augen.
Heiji gähnte erneut leise statt einer Antwort.
"Mmmh, keine Ahnung? Vielleicht bis halb fünf?", fügte er dann doch noch grübelnd hinzu.
Halb fünf Uhr morgens? Und dann fand er zehn nach acht spät?
"Und... hast du etwas neues gefunden?" Das schlechte Gewissen regte sich wieder in Shinichi, dass er Heiji keine Hilfe sein konnte, während dieser sich so für ihn opferte.
Der Detektiv zögerte sichtbar.
"Mmmh, nicht viel...", antwortete er schließlich bedauernd.
Shinichi seufzte enttäuscht. Seine böse Vorahnung war über Nacht nicht besser geworden, ganz im Gegenteil!
"Und was genau beinhaltet das 'nicht viel'?" Eine schwache Hoffnung war schließlich besser als gar keine Hoffnung...
Wieder antwortete Heiji nicht gleich, rutschte statt dessen etwas ungemütlich leicht hin und her, bis er auf dem Bauch lag und seinen Kopf wieder müde auf seinen Arm gebettet hatte.
"Ich habe sämtliche Verbrechen zu filtern versucht, die in dem Zeitraum deines Verschwindens in der Stadt gemeldet wurden. Ich habe auch versucht die Treffer auf einen wahrscheinlichen Radius um Môris Detektei, Agasas Haus und den Weg dorthin einzuschränken, aber wer weiß schon genau, wann du plötzlich völlig vom Weg abweichst und ganz woanders landest...", berichtete er nachdenklich, nur bei seinen letzten Worten hatte er leicht verbittert das Gesicht verzogen. "Und dabei kam eben nicht viel raus, oder zumindest nichts, was mir ohne weitere Spuren und Recherchen weiterhelfen könnte. Die interessantesten Vorfälle sind dabei noch immer ein bisher unaufgeklärter Mord an einem Kiosk-Besitzer, ein erfolgreicher Einbruch in einem renommierten Juweliergeschäft, ein erfolgloser Einbruch in einem Kunstmuseum, das Verschwinden eines dreizehnjährigen Mädchens - auch wenn noch nicht feststeht, dass es sich hierbei um ein Verbrechen handelt, der Diebstahl einer angeblich wertvollen Uhr aus dem Besitz eines exzentrischen Rentners..." Lustlos spulte er die Liste der offenen Polizeimeldungen herunter, bis sich seine Worte in einem weiteren herzlichen Gähnen verloren, das sich gleich darauf in ein resigniertes Seufzen verwandelte. "Nichts, was auf den ersten Blick auf die Org deuten würde, und mit Mönchen oder einem Tempel hat das alles auch nichts zu tun." Sein Blick wanderte wieder zu Shinichi hoch, ein neuer schwacher Hoffnungsschimmer in ihm:
"Oder kommt dir einer der Fälle irgendwie bekannt vor?"
Bedauernd schüttelte der Kranke langsam den Kopf. Keine Erinnerungen, keine weitere Vorahnungen wie sie bei anderen Schlussfolgerungen gelegentlich gekommen waren, nur ein konstantes Herzklopfen, die dumpfen Kopfschmerzen, an die er sich mittlerweile jedoch schon fast gewöhnt hatte, und ein seltsames leichtes Gefühl im Herzen, das ihm wider alle Logik den Eindruck gab, dass die Situation gar nicht so schlimm sei, schließlich regnete es draußen so schön, das Bett war so angenehm warm, das Kopfkissen so weich, Heiji war bei ihm, er war in Sicherheit...
"Wie geht es dir eigentlich?", erinnerte sich Heiji mit einem Mal wieder an den Zustand seines Freundes.
Gut, einfach gut..., sagte sein Herz, "Leichte Kopfschmerzen", sprach sein Verstand ohne Rücksprache mit dem Herzen aus.
"Beinahe vergessen...", grummelte Heiji statt einer Antwort und schob noch einen Fluch in seinem Dialekt nach, der jedoch offenbar an ihn selbst gerichtet war. Noch etwas tapsig stemmte er sich hoch und machte Anstalten über Shinichi hinwegzukrabbeln, auf die verschiedenen Packungen Arzneimittel zu, die auf der rechten Seite vom Bett auf dem Nachtschränkchen auf ihre Konsumierung warteten. Und mit Heiji wehte sein Duft an Shinichi vorbei, ein schwacher Rest des süßlichen Geruchs, den Shinichi schon am vorigen Tag so geliebt hatte, und noch ein weiterer Geruch, angenehm warm und lecker, wie frisch gebackenes Brot, begehrenswert... Ob seine Haut auch so warm war? Auf seiner Wange hatte sich das geriffelte Muster seines Polohemdes eingraviert, und ja, die Haut war tatsächlich so warm, als er sie berührte, und die Lippen...? Mmmmh, ja, auch die Lippen waren warm, warm und weich und lecker, himmlisch! Es war so schön in Heijis Bett zu liegen, ihn über sich zu haben, seinen Geruch einzuatmen, ihn zu küssen...
Und nun wurde auch Shinichi endlich klar, was genau er da soeben tat! Seine eine Hand ruhte noch immer auf Heijis Wange, die andere Hand in dem weichen Nackenhaar vergraben und hielt sein Gesicht auch weiterhin mit sanfter Gewalt nach unten gedrückt, in seiner eigenen Reichweite, seine Lippen leicht auf die seines Freundes gedrückt... Heiji erwiderte den sanften Kuss nicht, schreckte aber auch nicht zurück, begnügte sich schlicht damit den anderen mit weit offenen Augen wie versteinert anzustarren!
"Ich..." Mindestens genauso erschrocken über sein eigenes Verhalten ließ Shinichi ihn ruckartig los und wandte mit hochrotem Kopf das Gesicht ab. "Es tut mir Leid, ich wollte nicht..."
"Shinichi?" Heiji nahm seine zurückgewonnene Freiheit wahr und richtete sich sofort wieder auf, blieb aber an der gleichen Stelle neben seinem kranken Freund auf den Fersen sitzen, ohne weiter zurückzuweichen. "Seit wann bist du...?"
"Bisexuell? Oder gar schwul?" Humorlos lachte Shinichi laut auf, bedeckte seine Augen mit dem Arm, während er beinahe schluchzend den Kopf schüttelte. "Ich weiß es nicht, ich weiß es doch nicht, ich weiß es einfach nicht...", wiederholte er immer wieder verzweifelt, immer leiser, bis er schließlich verstummte und den Arm wieder hob, seinem Freund verschämt ins Gesicht blickte. Heiji sah regungslos zurück, seine Gefühle vollkommen undeutbar. Zwar konnte Shinichi weder Feindseligkeit oder gar Ekel in seiner Mimik erkennen, aber auch keine Freude oder Aufmunterung...
"Ich weiß nur eines sicher", fuhr Shinichi schließlich leise, schüchtern, und doch eine Spur zu verbittert fort:
"Ich weiß nur, dass ich gerade dabei bin mich in dich zu verlieben..."
Diesmal zeigte Heiji eine Reaktion. Seine Brauen hoben sich überrascht, während seine Augen sich in der kleinen Schrecksekunde um noch eine Spur weiter öffneten, als sie es ohnehin schon waren. Doch wieder konnte Shinichi weder negative noch positive Gefühle in seinem Gesicht ablesen...
"In mich...? Aber... du liebst doch Ran?", erwiderte der junge Detektiv überrumpelt statt einer Antwort, doch Shinichi lachte nur ein weiteres Mal humorlos, verzweifelt auf:
"Ran? Sie ist mir völlig egal, ich... ich kann mich doch nicht mehr an sie erinnern! Wenn du mir keine Fotos von ihr gezeigt hättest, wenn du mir nicht von ihr erzählt hättest... es wäre genauso, als ob sie für mich nicht existieren würde!"
Offenbar hatte er das Falsche gesagt. Wenn Heijis Mimik und Körperhaltung bisher kein einziges Mal Feindseligkeit ausgedrückt hatten, so verdüsterte sich auf einen Schlag sein Gesicht, während sich sein Körper im Sitzen versteifte!
"Du liebst Ran, du kannst dich nur nicht mehr an sie erinnern. Aber sobald deine Erinnerungen wiederkommen, wirst du es wieder sicher wissen, wen du wirklich liebst!"
"Aber was, wenn ich Ran auch danach nicht mehr lieben werde?", schrie Shinichi ihn wütend, verzweifelt, hoffnungslos an! Was, wenn er sie nicht mehr lieben wollte? Was, wenn er seine Gefühle für Heiji wachsen lassen, sie nicht zu einer 'Ersatzliebe' degradieren lassen wollte? Was, wenn er nicht mehr der alte Shinichi werden wollte, der er bis vor ein paar Tagen gewesen sein sollte? Dieser humorlose schaurige Zwerg mit Brille, dieses Nicht-Kind, das all seine Verbitterung in sich anstaute und nicht Manns genug war seinen Freund, der sich so für ihn einsetzte, bei seinen eigenen Problemen zu unterstützen und zu trösten? Wenn er wieder so werden sollte, sein altes Leben führen, nur in groß und mit einer hübschen Freundin an seiner Seite, dann wollte er es nicht, dann wollte er sich nicht mehr erinnern, nie wieder! "Was, wenn ich auch danach nicht mehr so sein werde wie der alte Kudô", flüsterte er nun wieder tonlos, "und wenn ich auch mit meinen alten Erinnerungen in dich verliebt bleibe...?"
Heiji antwortete nicht gleich, rutschte nur ungemütlich auf seinen Fersen rum.
"Du wirst dich wieder erinnern können...", wiederholte er verlegen, doch Shinichi unterbrach ihn schnell:
"Nein, ich... Es tut mir Leid, dass ich dich geküsst habe", begann er leise, "Ich kann verstehen, dass du dich vor mir ekelst..."
Heiji verstummte. Ein, zwei Sekunden lang blieb er weiterhin kerzengerade sitzen, sein Ausdruck ernst und nachdenklich zugleich, als müsse er eine innere Entscheidung fällen. Dann auf einmal lockerte sich seine gesamte Haltung und er schwang ein Bein über den liegenden Körper seines Freundes hinweg, sodass er mit einem Bein auf jeder Seite über ihm kniete, und bevor Shinichi reagieren konnte hatte er sich schon zu ihm heruntergebeugt und küsste ihn sanft auf die Lippen, seine gebräunten Hände umfassten zärtlich die blassen Wangen.
Überrascht hielt der Kranke bei der Berührung die Luft an, doch dann schlang er hastig beide Arme um den Nacken seines besten Freundes und hinderte ihn so daran sich wieder von ihm zu lösen, erwiderte voller Sehnsucht den sachten Druck seiner Lippen.
So weich, so sanft, so warm... Keine unnötigen Spielereien, kein unsinniges Kräftemessen, nur eine schüchterne und sehnsüchtige Berührung, als wäre es ihr erster jungfräulicher Kuss. Doch das reichte Shinichi schon, reichte dem Klopfen in seinem Herzen um noch um ein Vieles schneller zu schlagen, reichte auch dem Flattern in seinem Bauch, er fühlte sich als könnte er schweben, Heijis Wärme, Heijis Geruch, Heijis Haut, so schön, so nah...
Als Heiji sich langsam, aber bestimmt von ihm zu lösen begann, hielt er ihn nicht auf, lockerte seine Arme um dessen Nacken, bis er ihn schließlich ganz losließ. Verklärt lächelnd und neugierig zugleich betrachtete er den dunkelhäutigen jungen Detektiv, genoss verzaubert seine Präsenz, die noch immer wie ein süßer Nachgeschmack an seinen Lippen hing.
"Ich ekle mich nicht vor dir, Shinichi", erklärte Heiji sanft, aber auch ernst, "Ich habe mich noch nie vor dir geekelt! Aber...", er zögerte deutlich, "aber ich möchte nicht, dass du etwas bereust, sobald du wieder... sobald du dich wieder an alles erinnerst."
'Sobald du wieder ganz der Alte bist, der alte Shinichi Kudô, sobald du wieder normal bist...' War es das, was Heiji zuerst sagen wollte?
"Du meinst, dass ich derzeit nicht ich selbst bin, oder?", hakte Shinichi mit wachsender Verbitterung nach. Das Hochgefühl, das er soeben erlebt hatte, schwand langsam, wie eine vergilbte Erinnerung. "Du meinst, dass ich mich derzeit wie das frisch geschlüpfte Küken verhalte, das das erste Geschöpf, das es sieht, für seine Mama hält, nicht wahr?"
Heiji antwortete nicht, doch der traurige Schimmer in seinen Augen war Bestätigung genug.
"Ich verstehe...", nickte Shinichi wie zur Selbstbestätigung, die Verbitterung deutlich sichtbar um seine Mundwinkel eingraviert, und wandte den Blick ab. Er konnte diese faszinierenden grünen Augen keinen Augenblick länger ertragen! "Aber was, wenn ich nie wieder der Kudô sein werde, der ich bis vor ein paar Tagen noch war? Was, wenn ich auch danach noch mehr als Freundschaft für dich empfinden sollte?"
Es war das zweite Mal, dass er diese Fragen stellte, und auch dieses Mal öffnete Heiji sogleich den Mund, offenbar um von einer passenden Antwort abzulenken...
Er schloss den Mund wieder. Nachdenklich legte er den Kopf leicht schief, schien endlich eine ernsthafte Antwort innerlich abzuwägen.
"Falls... falls du dich wieder voll erinnern und trotzdem nichts mehr für Ran empfinden solltest, aber statt dessen für... für mich, dann..." Heiji schluckte schwer... und lächelte schließlich zaghaft, "...dann bin ich bereit es mit dir zu versuchen."
Überrascht starrte ihn Shinichi wieder an, der Mund weit offen:
"A.. aber wie... du hast doch gesagt... Versprichst du es?"
Heiji nickte wieder ernst, sein Lächeln war verschwunden.
"Wenn du es möchtest, dann... ja, dann verspreche ich es. Doch die Bedingung ist, dass du dich wirklich ohne Ausnahme an dein altes Leben erinnern kannst!"
Verwirrt nickte Shinichi nun ebenfalls, er glaubte jauchzend aufspringen zu müssen vor Freude, doch der überkritische Zweifel hinderte ihn beharrlich daran seine Freude auszuleben. Empfand Heiji etwa auch etwas für ihn? Oder war der Detektiv sich so sicher, dass er schon bald Ran sehnsüchtig in die Arme laufen und seinen Freund vergessen würde, und gab deswegen ein leeres Versprechen um ihn für den Moment zu beruhigen...? Sein Nicken verwandelte sich in ein zweifelndes Kopfschütteln:
"Du musst so etwas nicht versprechen, wenn du nicht in mich verliebt bist, das ergibt doch überhaupt keinen Sinn. Ich möchte nicht, dass du das aus Mitleid tust", erwiderte er schließlich traurig. Ein schönes Versprechen, aber zu schön um wahr zu sein. Er wollte nicht, dass sich sein Freund ein weiteres Mal zu etwas verpflichtet fühlte, nicht zu so etwas!
Diesmal war es an Heiji den Kopf zu schütteln, wenn auch wieder zögerlich:
"Nein, kein Mitleid, aber..." Er seufzte unsicher auf. "Ich gebe zu, dass das jetzt ziemlich überraschend kam, ich hatte mir bisher auch niemals Gedanken darum gemacht. Aber... Ich mag dich so wie du jetzt bist, Shinichi, noch viel mehr als wie du früher warst." Endlich schien er zumindest einen Teil seiner alten Selbstsicherheit wiedergefunden zu haben, denn er grinste breit:
"Ich mag deinen neuen Humor!" Fröhlich lachte er auf: "Und ich mag es, dass du deine Holmes-Macke endlich abgelegt zu haben scheinst! Falls du also auch weiterhin so bleiben solltest wie jetzt, dann würde ich bestimmt nicht aus Mitleid für dich da sein, falls du mich dann noch willst..." Erschrocken weiteten sich seine Augen, als ihm erst jetzt bewusst wurde, was er gesagt hatte: "Aber das heißt nicht, dass ich dich nicht so mochte, wie du früher warst, ich mag dich, egal wie du bist, ich meinte nur..."
"Schon okay", beschwichtigte ihn Shinichi lächelnd. Dieses Mal war das Glück, das er empfand, echt. Es reichte ihm vollkommen aus zu wissen, dass es zumindest möglich war, dass Heiji sich vielleicht ebenfalls in ihn verlieben könnte, und das weil er - Shinichi Kudô - ihn zum lachen brachte, anders als früher. Nein, er wollte bestimmt nicht wieder der alte Kudô werden, noch weniger denn je! Dennoch würde er seine Erinnerungen wiederfinden müssen, wenn er Heijis Versprechen jemals einlösen wollte, es war dringendst notwendig, und gleichzeitig machte es ihm Angst.
Mit neuer Energie verließ Heiji seinen Platz über Shinichis Knien und stand schließlich ganz vom Bett auf:
"Ich mache gleich weiter mit der Arbeit", informierte der Detektiv ihn mit einem letzten kleinen Gähnen, dann lächelte er seinen Gast an, doch dieses Lächeln wirkte trotz der ehrlichen Freundlichkeit wesentlich distanzierter als noch Sekunden zuvor. "Aber was hältst du davor von einem guten Frühstück, Kudô?"
Kudô. Kein vertrautes 'Shinichi' mehr, zurück zum üblichen Nachnamen, als wäre nichts geschehen. Doch trotz des deutlichen Stichs in seinem Herzen wegen dieser neuen offensichtlichen Distanz nickte Shinichi dankbar. Ein gutes Frühstück war genau das, was er jetzt brauchte!






Vierter Teil
Tags: fanfics, heiji, kaito
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