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Blackout - Teil 1

Lang, laaaang ist's her, seitdem von mir etwas kam, und dann auch noch etwas Neues...
Diese Fic hier habe ich für Nocturns (noci_samas) DC-ShônenAi-Wettbewerb auf Animexx geschrieben. Ich hoffe sie gefällt euch, ich bin wirklich auf eure Meinungen gespannt!^^
Kommentare und Anmerkungen (auch begründete Kritik) sind wie immer herzlichst willkommen! =)

Titel: Blackout
Rating: PG-14
Wortzählung gesamt: 24.101
Pairing: Wird noch nicht verraten.
Warnungen: dark, angst, sap/fluff, stellenweise auch gewalt und lime, ein uraltes Klischeethema... (Ja, ich musste mich auch mal daran wagen! *gg*)
Disclaimer: Mit Ausnahme der meisten Nebenfiguren gehört mir keiner der Charaktere, hab sie alle von Aoyama Gôshô geklaut und gebe sie ihm nach Gebrauch wieder. Vielleicht ein wenig angeknautscht, aber ohne ein bisschen Action würde es nicht halb soviel Spaß machen, oder?^^;
Vielen vielen Dank an zanagi, kegom und im_nangilima fürs betan, ihr habt mir wirklich weitergeholfen! =D


Ein unangenehmes Erwachen in öffentlichen Toiletten, seine Kopfschmerzen und die Übelkeit drohten ihn um den Verstand zu bringen. Er konnte sich an nichts mehr erinnern, wer war er...?
Wie kam er an diesen Ort?
Was waren das für fremde Klamotten, die er am Leib trug?
Und warum diese böse Vorahnung, dass es etwas gab, was er niemals hätte vergessen dürfen, weil andernfalls etwas Schreckliches geschehen würde...?








Kalt.
Es war kalt.
Und feucht.
Hart, ungemütlich.
Feuchte kalte harte Fliesen?
'Plitsch'.
Ein Wassertropfen, ein paar Meter weiter. Und ein weiterer, ein Waschbecken?
Die Tropfgeräusche nahmen zu, hallten durch die bedrückende Stille, drangen penetrant ins Ohr.
Kopfschmerzen.
Und kalt. Ungemütlich!
Die Tropfen wurden durch ein Spülgeräusch abgelöst, mehrere Liter Wasser schossen geräuschvoll in eine kleine Wanne und weiter durch ein schmaleres Rohr, wurden allmählich vom nachgepumpten Wasser im Tank ersetzt, die Kopfschmerzen nahmen weiter zu. Eine Tür quietschte, und ein weiteres Mal, als sie zurückschwenkte, schwere Schritte - ein Mann? - und wieder Wasserrauschen, diesmal das Waschbecken, und die Kopfschmerzen wurden immer pochender, unerträglicher...
...eine... Toilette...?


Langsam öffnete er flatternd die Augen. Es dauerte mehrere Sekunden, bis sich das verschwommene Weiß vor ihm fokussierte, und er wartete. Ihm blieb nichts anderes übrig, alles bewegte sich...
Harte weiße Fliesen... eine metallene Tür, die nicht ganz zur Decke, nicht ganz zum Boden reichte... ein paar rote und schwarze Schmierereien, die noch undeutlich vor seinen Augen verschwammen... eine öffentliche Toilette...?
Etwas Hartes in seiner Schulter, sein Rücken verdreht, ungemütlich... er musste sich bewegen...


Allmählich begann er seine Umgebung genauer wahrzunehmen, die weißen Schleier lüfteten sich von seinen Augen und seinem Geiste. Er saß auf der Toilettenschüssel, den Kopf an die hintere Wand gelehnt, ein metallenes Rohr und... den Spülknopf im Rücken? Er musste ohnmächtig geworden sein, in einer öffentlichen Toilette, aber... wo? Und warum?
Fahrig kippte sein Kopf ein wenig nach unten, und wieder wartete er die nötigen Sekunden, dass seine Kopfschmerzen die abrupte Bewegung überwanden und sein Blick sich fokussierte.
Er sah direkt auf seine Schuhe. Weiße Sportschuhe, etwas abgetragen, an den Fußspitzen mehrere dicke Schlammspritzer, eingetrocknet. Und darüber, eine hellblaue Sporthose, schlabberig, alt, die Nähte an den Spitzen etwas ausgefranst...
Vorsichtig streckte er eine Hand aus, führte sie zittrig an die seitliche Wand neben ihm, und begann seinen Rücken zu bewegen. Langsam, wie in Zeitlupe.
...er fühlte sich so schwach...
Er drehte seinen Kopf in Richtung der ausgestreckten Hand, ebenfalls langsam und vorsichtig, er hatte von seinen Kopfschmerzen gelernt. Die Hand war schlank, seine Finger lang und feingliedrig, die Haut hell und makellos, nicht die Haut von jemandem, der viel und schwer arbeitete...
Diese Hand suchte festeren Halt an der glatten Wand, wurde ebenso zittrig von der anderen Hand auf der anderen Seite der Kabine allmählich unterstützt, und nun setzte sich der Rest seines Körpers in Bewegung. Er musste aufstehen, vorsichtig...
Das Wunder war geschehen, er stand. Wacklig zwar, aber dennoch stand er, beide Hände an den Wänden abgestützt, und nun öffnete er die Tür, setzte einen Fuß vor den anderen, suchte einen neuen Punkt zum Abstützen...
Er war alleine in der Toilette. Es war ein mittelgroßer öffentlicher Toilettenraum mit sechs, vielleicht sieben Kabinen für die Herren, wie eine kleine Reihe abgetrennter Pissoirs über den Ort verriet. Und vor ihm vier einzelne Waschbecken, mit jeweils einem trüben Spiegel in dem schwachen weißen Neonlicht.
Er beugte sich über eines der Becken, spritzte sich ein wenig Wasser ins Gesicht. Das tat gut, das kühle Wasser erfrischte ihn, er spürte, wie die Kopfschmerzen ein wenig abklangen. Sein Blick fiel auf den Spiegel, auf sein Spiegelbild, und vorsichtig betastete er seine Konturen, beobachtete sein eigenes Selbst dabei aufmerksam. Er hatte ein schmales Gesicht, nicht unattraktiv, wenn auch sehr blass und mit einem kränklichen Schimmer, blaue Augen, schmale dunkle Brauen, eine hohe intelligente Stirn... und kurzes dunkles Haar, dunkelbraun, beinahe schwarz, ungefähr auf einen Zentimeter radikal gekürzt. Seine Wangen waren glatt, nur ein paar kümmerliche Stoppel an Kinn und Oberlippe verrieten ihm, dass er nicht rasiert war. Sein Alter? Vielleicht zwanzig, oder auch ein zwei Jahre älter...
Was war geschehen? Was machte er hier? Aber nein, das Wichtigste war... wer war er...?


Ziellos wanderte er durch die Menschenmassen, wacklig, langsam, sein Blick vermutlich noch immer trüb und unkonzentriert, aber es spielte keine Rolle. Um ihn herum stoben die Leute auseinander, bedachten ihn mit mal verwunderten, mal schockierten oder gar entsetzten Blicken, doch auch das spielte keine Rolle, die Hauptsache war er konnte laufen, immer weiter, egal wohin, denn vielleicht würde ihn jemand aufhalten, ihm helfen... doch niemand blieb stehen oder bot ihm Hilfe an, niemand hielt ihn auf, und er ging auf wackligen Beinen weiter.
Die Menschen zerrten häufig kleine Koffer hinter sich her, oder trugen elegante Reisetaschen über der Schulter, ein paar Jüngere hatten prall gefüllte Rucksäcke auf dem Rücken... war das hier ein Bahnhof? In einer großen Stadt?
Seine Schritte wurden allmählich schleppender. Seine Füße schwerer. Das Vorwärtsbewegen ermüdete ihn... sein Kopf... es fing wieder an sich zu bewegen... alles um ihn herum... und niemand half... ihm...
"Kudô?"
"Kudô!"
"KUDÔ!"
Ah, doch, jemand schrie einen Namen. Meinte er ihn? War das sein Name? Er drehte sich in die Richtung des Schreis um, lächelte, man wusste schließlich nie... und ein junger Mann, großgewachsen, sportliche Kleidung, tief gebräunte Haut, lief quer durch den Menschenstrom auf ihn zu, gerade so schnell, dass es nicht allzu negativ auffiel, sein Gesicht gleichzeitig voller Entsetzen, Überraschung, Sorge und Erleichterung. Ja, es war bestimmt er den dieser junge Mann suchte, er hatte ihn unter all diesen Menschen wiedererkannt. Und langsam kippte er nach hinten...




Und wieder erwachte er. Ebenso langsam, doch bei weitem nicht so schmerzhaft und unangenehm. Es war warm und gemütlich und seine Kopfschmerzen waren besser...
Seine Augen gewöhnten sich rascher an das Licht. Es wirkte warm und schummrig, trübes Tageslicht. Es kam von einem Fenster an seiner rechten Seite, und er befand sich in einem Bett, das bewiesen die gemütliche Matratze, die warme Decke und das weiche Kissen, in einem Zimmer, er fing an die Umrisse eines Schrankes, eines, nein, zwei Regale zu erkennen, Bücher, Klamotten, ein Wandkalender mit einem großen Motorradbild, noch mehr Bücher...
Er war nicht allein in dem Zimmer. Eine Silhouette zeichnete sich allmählich neben dem Fenster ab, ein Mensch, er saß auf einem Stuhl und schlief, nein, er schaute geistesabwesend aus dem Fenster...
Unbedacht raschelte er mit seinen Decken, und sofort wurde die Gestalt am Fenster aus ihren Träumen gerissen, drehte sich erschrocken zu ihm um... und stürzte dann mit einem erleichtert strahlendem Lächeln an das Bett!
"Kudô, du bist wach! Wie geht es dir? Was ist passiert? Was hast du gemacht? Wie kommt es, dass du..."
Er blinzelte gegen das Licht, versuchte das Gesicht desjenigen zu erkennen, der ihn so freundlich gepflegt hatte und ihn nun ohne sich Zeit zum Atmen zu nehmen mit Fragen bestürmte, doch er wusste auch so, dass es der gleiche junge Mann wie am Bahnhof war. Die gleiche gebräunte Haut, die gleiche Sorge in den Zügen, wenn auch diesmal mehr Erleichterung aus seiner Mimik sprach, die gleichen dichten, und doch schön gezeichneten Brauen, die dunklen schokoladenfarbenen Haare, die vorne ein paar stachelartige Strähnen bildeten und ihm hinten weich und voll in den Nacken fielen... aber ein anderes Hemd, dieses Mal ein schwarzes Polohemd, der erste Knopf offen und entblößte ein Stückchen vom gebräunten schlanken Hals.
"Kudô? Wie geht es dir?", wiederholte der Fremde, dieses Mal jedoch schwang eindeutig mehr Sorge als Erleichterung in seiner Stimme mit. Er hatte einen breiten sonnigen Akzent, Kansai-Dialekt, genauer gesagt Ôsaka-Dialekt...
"Ich... ich weiß nicht...", sprach er endlich. So klang also seine Stimme... doch er konnte kaum etwas aus ihr heraus erkennen, so unangenehm rau und heiser... "Ich weiß nicht, ich kann mich an nichts erinnern..."
Einen Moment lang reagierte der andere nicht, starrte ihn nur verblüfft an. Dann:
"Das... das ist nicht dein Ernst, oder?"
Kraftlos hob er seine Hand, fuhr sich fahrig über die Stirn, rieb sich am kurzen Haaransatz.
"Ich... fürchte doch. Ich weiß nichts mehr, ich weiß weder wer du bist...", er markierte eine kurze Pause, "noch wer ich bin."
Wieder antwortete der Andere nicht. Mit ernstem Ausdruck sah der braungebrannte junge Mann ihn nur an, beobachtend, lauernd, eindeutig innerlich entsetzt, und versuchte vielleicht den Schock still für sich zu bearbeiten, vielleicht an seinem Gesicht zu erkennen, ob er log oder ihn auf den Arm zu nehmen versuchte. Endlich überwand er sich zu sprechen:
"Du erinnerst dich wirklich an gar nichts? Noch nicht einmal, wie du zum Tôkyô-Bahnhof gekommen bist? In...", er deutete kurz bezeichnend mit dem Zeigefinger auf ihn, "dieser Gestalt?"
In dieser Gestalt? Was meinte er...? Doch wieder schüttelte er nur bedauernd den Kopf.
Der fremde junge Mann aus dem Kansai fluchte leise in seinem Dialekt. Offenbar war es nicht nur ihm wichtig, wie er ohne jegliche Erinnerungen in dieser einen Toilette gelandet war.
"Also gut." Der Andere seufzte resigniert. Er schien keinen Gefallen an dieser Situation finden zu können. "Mein Name ist Heiji Hattori, ich bin wie du zweiundzwanzig Jahre alt, stamme allerdings aus Ôsaka, ich bin Student auf der Polizeiuniversität hier. 'Hier' ist übrigens derzeit in Ôsaka, ich habe dich am Bahnhof in ein Mietauto geschleppt und dich von Tôkyô bis hierher in meine Wohnung gefahren." Er seufzte ein weiteres Mal und massierte sich leise ächzend den Nacken, als spüre er noch immer die lange Autofahrt in den Knochen. "Und du... du bist Shinichi Kudô, ebenfalls zweiundzwanzig und... du bist seit der Oberschule ein gefeierter Jungdetektiv im Kantô, genau wie ich im Kansai, du bist sozusagen mein Gegenstück!" Der junge Mann namens Hattori lachte kurz auf, wie von seinem Eigenlob geschmeichelt. Bescheiden schien er nicht zu sein... Doch dann verzogen sich seine Lippen zu einem breiten und fröhlichen Grinsen, mit dem er seinen Freund gut gelaunt angriente:
"Und du bist mein bester Freund, durch all die Jahre hindurch!" Er markierte eine kleine Pause, sein Blick wieder deutlich ernster:
"Kannst du dich jetzt an deinen Namen erinnern?"
Er schüttelte traurig den Kopf.
"Nein... aber es ist ein schöner Name, er gefällt mir. Ich möchte ihn ab jetzt gerne benutzen", nickte Shinichi zufrieden und probierte ihn in Gedanken aus. "Nur leider erinnere ich mich trotzdem an nichts..."
Heijis Enttäuschung war kaum zu übersehen. Mit dem gleichen aufmerksamen Tonfall wagte er jedoch einen neuen Versuch:
"Und was ist mit dem Namen 'Conan Edogawa'?"
Conan Edogawa... ein seltsamer Name. Er hinterließ einen leicht bitteren Nachgeschmack, als wäre etwas, hinten, ganz hinten in seinem Kopf, eine einzelne unangenehme Erinnerung... und dann war sie verschwunden, wie klares Quellwasser, das durch die Finger glitt.
"Nein, ich glaube nicht..."
Wieder seufzte Heiji, doch dieses Mal klang es noch resignierter als zuvor.
"In dem Fall werde ich wohl einiges erklären müssen...", eröffnete er ihm bedauernd.


Geschockt lehnte Shinichi den Kopf an die Wand, als bräuchte sein Nacken die Stütze in diesem Moment. Nachdenklich blieb er so einige Augenblicke lang sitzen, mehrere Kissen im Rücken und noch immer von einer dicken Decke umhüllt, und ließ das Gesagte auf sich einwirken.
"Du sagst also... ich wäre eigentlich zweiundzwanzig Jahre alt, so wie... jetzt", er deutete mit seinen beiden Händen auf seinen Körper, wie um es sich selbst zu bestätigen, "aber durch ein bestimmtes Gift wäre ich mit sechzehn oder siebzehn Jahren um ganze zehn Jahre körperlich verjüngt worden."
Heiji nickte langsam.
"...und jetzt bin ich wieder zweiundzwanzig statt zwölf, und du weißt nicht warum."
Wieder nickte Heiji, dieses Mal noch ernster als zuvor, falls das überhaupt möglich war.
"Und... du kannst dich wirklich an kein einziges Detail erinnern, wie du wieder gewachsen sein könntest?", wagte dieser hoffnungsvoll einen weiteren halbherzigen Versuch, doch der Detektiv wirkte nicht überrascht, als sein Gast wiederrum nur traurig den Kopf schüttelte.
"Und schuld daran ist ein Verbrechersyndikat, das wir nur unter dem Namen 'Schwarze Organisation' kennen", fügte er schließlich seufzend hinzu, obwohl er das nur wenige Minuten zuvor schon in seinem Bericht ausführlichst erklärt hatte.
Wieder schüttelte Shinichi ungläubig den Kopf.
"Es wirkt alles so unwirklich...", erklärte er unsicher seine Unbeholfenheit und fuhr sich dabei mit der Hand über den kurzhaarigen Schädel. "Und du bist wirklich ganz sicher, dass ich dieser Shinichi Kudô bin?"
Diesmal nickte Hattori, ernst, doch entschieden.
"Ich erkenne das Gesicht schließlich, selbst wenn ich dich schon lange nicht mehr in deiner erwachsenen Gestalt gesehen habe. Es gibt überhaupt keinen Zweifel!" Er zögerte einen Moment. Den Kopf ein wenig schiefgelegt betrachtete er ihn noch einmal grübelnd. "Es gibt nur ein paar Punkte, die mir einfach nicht klar werden wollen und die ich unbedingt herausfinden möchte..."
Den Oberkörper auf die Lehne des umgedrehten Stuhls gedrückt, hielt er seine eine geschlossene Hand in die Höhe:
"Erstens." Er klappte den Zeigefinger hoch. "Wieso bist du in den zwei Tagen, an denen du als Conan verschwunden warst, wieder groß geworden? Zweitens", der Mittelfinger streckte sich, "wieso bist du in den Klamotten", er deutete mit dem Kinn zu dem ausgewaschenen babyblauen Trainingsanzug auf einem anderen Stuhl hin, "zum Tôkyô-Bahnhof gelaufen? Drittens", der Ringfinger erhob sich, "warum hast du einen kompletten Gedächtnisverlust, was deine Persönlichkeit und die vorherigen Ereignisse angeht? Viertens", der Daumen blieb als einziger gekrümmt, "warum hast du diese neue Frisur verpasst bekommen? Und Fünftens..." Der Daumen klappte nun ebenfalls zögerlich nach außen, sodass seine offene Handfläche nun etwas hilflos in der Luft baumelte. "Fünftens halt. Wieso das Ganze? Was ist passiert? Warum ist Conan überhaupt verschwunden?"
Wortlos sah Shinichi seinen Freund an, wie er in einem immer emotionaleren Ton seine Fragestellung beendete. Er wünschte, er hätte auch nur eine dieser Fragen beantworten können, doch nichts in seinen Erinnerungen regte sich. Es war als redeten sie von einer vollkommen fremden Person, und könnte er sich nicht an sein unangenehmes erstes Aufwachen in den Bahnhofstoiletten erinnern, würde er diese Geschichte als lächerliches Hirngespinst abtun.
"Und... was ist mit... 'Conan'? Was ist geschehen, bevor 'er' verschwand?" Er zögerte, als er diesen Namen nannte, und er zögerte, als er von ihm in der dritten Person sprach. Aber er konnte sich nicht dazu überwinden von sich in der ersten Person zu sprechen, denn noch immer flüsterte ihm der funktionierende Teil seines Verstandes zu, dass es völlig ausgeschlossen sei gleichzeitig ein Erwachsener und ein Kind zu sein.
Und wieder seufzte Heiji, doch dieses Mal klang es beinahe wie ein Schnauben, genervt verlagerte er seine Position und stützte beide Unterarme auf der Lehne des Stuhls ab, doch Shinichi spürte, dass er nicht von ihm, sondern von der Situation im Allgemeinen genervt war.
"Nichts, wir wissen nichts!", beklagte der gebräunte Detektiv frustriert. "Wir wissen nur von Ran, dass du vor zwei Tagen zu Professor Agasa gegangen bist, und von Professor Agasa wissen wir, dass du niemals bei ihm angekommen bist!"
Shinichi nickte. Ran, seine Beinahefreundin und Conans Ersatzerziehungsberechtigte, so hieß es. Nicht, dass dieser Name irgendetwas in ihm wachrief, genau wie der Name seines alten Nachbarn...
"Du meinst Conan ist... mir ist auf dem Weg dahin irgendetwas passiert?", erkundigte er sich unsicher.
Wieder schnaubte Heiji und rollte genervt mit den Augen.
"Wäre anzunehmen, sonst müsste ich mir bestimmt nicht den Kopf wegen deinem theatralischen Erscheinen zerbrechen. Außerdem ziehst du von Natur aus den Ärger an wie ein frischer Kuhfladen eine Horde Fliegen!"
Der Angesprochene grinste.
"Deshalb bin ich also ein besserer Detektiv als du, ich habe ständig Nachschub an Übung!"
Die Augen des anderen Detektivs weiteten sich geschockt:
"Heeey, wer hat behauptet, dass du ein besserer...?" Er hielt mitten in seinem Satz inne, schloss wieder überrascht den Mund. Und legte gleich darauf den Kopf schief, während er ihn aus leicht zusammengekniffenen Augen anstarrte. "Sag bloß, du erinnerst dich doch an etwas?"
Trotz des überbreiten Grinsens, das seine Züge zierte, schüttelte Shinichi bedauernd den Kopf.
"Nein, leider nicht. Aber du hast vorhin so schön mit deinen Fähigkeiten angegeben, da war mir gleich klar, dass du Minderwertigkeitskomplexe mir gegenüber hast!"
"Minderwertigkeitskomplexe...?" Heijis Kinnlade klappte empört nach unten, während sein Blick sich wie in Zeitlupe langsam bewölkte, düsterer wurde... und plötzlich ein Kissen in seinem Gesicht landete!
Reflexartig griff er danach bevor es zu Boden fallen konnte, und starrte entgeistert auf den Übeltäter, der mit einem engelsgleichen Gesichtsausdruck im Bett saß und ihn unschuldig anlächelte, seinen Ärger hatte er vor Überraschung völlig verdrängt! Dann kam sein eigenes Grinsen wieder, wurde dunkler, gefährlicher... und mit einem geknurrten "Na warte!" warf er das Kissen mit aller Kraft wieder auf das Gesicht seines Vorbesitzers, der es mit einem kichernden Glucksen gerade rechtzeitig mit zur Abwehr erhobenen Armen abfangen konnte.
Lauthals lachend saß Shinichi im Bett, hielt das Kissen fest umarmt, und Heiji stimmte schon bald mit ein. Es war ein befreiendes Lachen, und es tat gut, sehr gut...
Als es langsam verebbte, sah der gebräunte Detektiv mit einem glücklichen Lächeln auf seinen Freund.
"Freut mich, dass du wieder da bist, Kudô. Und...", er zögerte kurz, dann wandelte sich das Lächeln wieder zu einem breiten Grinsen, "...und es freut mich, dass du dir nach deinem Gedächtnisverlust endlich einmal Humor zugelegt hast!"
Der hellhäutigere Detektiv grinste etwas unsicherer zurück.
"Heißt das, dass ich früher keinen hatte?"
"Nein." Heiji war mittlerweile aus der Tür verschwunden, seine Stimme kam vom Flur. "Man kann nicht sagen, dass du keinen Humor hattest... es war vielmehr so, dass du ihn nur fast niemals rausgelassen hast, vor allem nicht als Conan! Du warst so damit beschäftigt entweder das perfekte Kleinkind zu spielen oder aber als Gegensatz dazu betont erwachsen wirken zu wollen, dass du meistens einfach vergessen hast wie man ehrlich lacht!"
"Ist das so?" Shinichi grübelte ein wenig über diese ernsten Worte. "Wie langweilig..." Dann kehrte gleichzeitig mit Heiji in der Tür auch sein Grinsen zurück:
"Und, bin ich jetzt der bessere Detektiv oder nicht?"
Statt einer Antwort landete ein alter Turnschuh beinahe in seinem Gesicht, doch automatisch fing seine rechte Hand das Wurfgeschoss kurz vorher ab! Immerhin schien er ausgezeichnete Reflexe gehabt zu haben...
"Da, analysier das, du großer Meisterdetektiv!", befahl ihm Heiji mit vor Sarkasmus triefender Stimme, während er wieder das Zimmer verließ. "Und wehe dir, wenn meine Bettlaken von dem Dreck schmutzig werden!"
Doch das unterdrückte Grinsen zeigte Shinichi, dass er ihm den Scherz definitiv nicht übel nahm...


Als Shinichi die Küche betrat, hatte sein Freund gerade den schmalen tragbaren Telefonhörer auf die Tischfläche neben sich gelegt und starrte nachdenklich mit dem Rücken zu ihm aus dem Fenster. Heiji schien den Neuankömmling nicht bemerkt zu haben, zumindest deutete er keine entsprechende Reaktion an, also trat Shinichi neben ihn und legte den Sportschuh vorsichtig auf den Tisch.
"Alles in Ordnung?", fragte er ihn besorgt von der Seite her.
Heijis kurzes Zusammenzucken war göttlich anzuschauen, wie er erschrocken den Kopf in seine Richtung drehte und sein Körper zugleich geringfügig zur Seite sprang!
"So sehr in Gedanken vertieft?", bemerkte Shinichi amüsiert, doch Heiji schüttelte nur leise lachend den Kopf.
"Nein, nicht weiter schlimm, aber seit wann kannst du so leise... - HEY! Lass den Schuh gefälligst von meinem Küchentisch, der ist dreckig!"
"'Tschuldigung!", meinte Shinichi mit einem gleichgültigen Schulternzucken und nahm ihn wieder hoch. "Aber soll ich das Ding jetzt stundenlang in der Hand halten? Du hast ihn mir schließlich in die Hand gedrückt!"
"Du sollst ihn nicht halten, du sollst mir sagen, was der Herr Meisterdetektiv davon hält!"
"Und mit wem hast du telefoniert?"
"Sag mir zuerst, was dir der Schuh sagt!"
"Der Schuh hat mir gar nichts gesagt, aber du kannst mir verraten, wen du angerufen hast und warum du so ein bedrücktes Gesicht machst!"
Heiji resignierte als Erster. Seufzend ließ er sich ergeben auf seinen Küchenstuhl fallen, während Shinichi triumphierend breit grinste. Er mochte sich vielleicht nicht an den anderen Detektiv erinnern, aber der Gedanke gefiel ihm, dass das sein bester Freund sein sollte - es machte schon jetzt Spaß ihn zu ärgern!
"Ich habe soeben Professor Agasa angerufen und ihm erzählt, dass du bei mir bist - in voller Größe und ohne Erinnerung!" Der dunkelhäutige junge Mann sah ratlos zu seinem Freund hoch: "Er war genauso überrascht wie ich das zu hören und kann sich auch keinen Reim darauf machen, genausowenig wie deine Freundin Ai."
Ai. Shinichi nickte innerlich. Seine zweite 'Freundin' oder auch Leidensgenossin, gehörte ehemals der mysteriösen Organisation an, wie Hattori ihm berichtet hatte.
"Das erklärt aber noch nicht, warum du so ein bedrücktes Gesicht machst!"
Und wieder kehrte der melancholische Ausdruck in Heijis Gesicht zurück, nachdenklich begann er wieder seinen Nacken und seine Schultern zu massieren, während sein Blick ein weiteres Mal aus dem Fenster schweifte...
"Ich habe gerade überlegt, was ich Ran erzählen soll, wenn ich sie anrufe." Seine klaren grünen Augen hatten einen nahezu verzweifelten Ausdruck in ihnen, als er sich beinahe hilflos wieder an seinen Freund wandte. "Was soll ich ihr sagen? Dass Conan in Sicherheit bei mir zuhause in Ôsaka ist, allerdings um ein paar Nummern größer als vor zwei Tagen? Soll ich ihr gratulieren, dass ihr geliebter Shinichi wiederkommt, du dich aber nicht an sie erinnern kannst?" Frustriert verlagerte er schließlich seine Sitzposition und presste beide Unterarme und Fäuste längs ausgestreckt auf den Tisch, seine Stimme nahm einen eindeutig ärgerlichen Klang an. "Was musstest du sie auch so lange hinhalten, jetzt darf ich die Probleme für dich begraben, die du durch deine Lügen angehäuft hast! Ran wird mich dafür umbringen!"
Fasziniert sah Shinichi zu, wie schnell die Launen und Emotionen sich in dem Körper des jungen Detektivs aus Ôsaka abwechselten, seine Probleme dagegen berührten ihn nur wenig. Es war seltsam, er konnte sich weder an Ran noch an seine Schrumpfung oder seine angeblichen Lügen erinnern, und dementsprechend gering war seine Motivation sich den Kopf wegen eines Auswegs zu zerbrechen. Auf der anderen Seite war das seinem neuen alten Freund gegenüber alles andere als fair, wie sich sogleich sein Gewissen unangenehm meldete...
"Erzähl ihr, dass Conan noch für ein paar Tage bei dir bleibt und dass es mir gut geht, vielleicht fällt mir in der Zwischenzeit alles wieder ein...?" ...und er könnte ihr selbst gestehen, was er in diesem Moment noch immer nicht glauben konnte. Auch wenn er selbst gerade kaum ehrliches Interesse dafür entbehren vermochte, es entging ihm nicht, dass sich Heijis Rücken erleichtert entspannte, auch wenn der ärgerliche Zug um seine Lippen und Augen noch nicht völlig verschwand.
"Ich hasse es zu lügen!", erklärte er mit einem frustrierten Blick zum Telefon. Dann wandte er sich endlich wieder Shinichi zu:
"Und was ist mit deinem Schuh?"
Der Schuh. Mit einer fragend gerunzelten Stirn betrachtete er das beschmutzte Schuhwerk in seiner Hand.
"Ich bin durch den Regen gelaufen?", vermutete er unsicher in Richtung seines Freundes. "Oder erst nach dem Regen, da die Schlammspuren, die überall zu sehen sind, nicht abgewaschen wirken?"
Ungläubig starrte Heiji zurück.
"Ist das alles?", versicherte er sich trocken. Seine eine Augenbraue zuckte dabei unbewusst immer wieder irritiert. Offenbar reichte der Begriff 'Enttäuschung' nicht mehr aus, um seinen Zustand zu bezeichnen.
Mit einem schiefen Lächeln zuckte Shinichi entschuldigend mit den Schultern.
"Tut mir Leid, offenbar ist mein detektivischer Scharfsinn mit dem Rest der Erinnerungen baden gegangen."
Der junge Detektiv beäugte ihn noch ein, zwei Sekunden lang mit zugleich hoffnungsvoll, wie auch irritiert hochgezogenen Brauen, als wartete er auf ein Wunder... das nicht kam.
"Man merkt's!", bestätigte er schließlich seufzend, dann nahm er seinem Freund den Schuh aus den Händen, um ihn mit einem gelangweilten Handschlenker kurz hin und her zu drehen.
"Es hat das letzte Mal vor sechzehn Stunden in Tôkyô geregnet, das heißt du bist erst nach dieser Zeit losgelaufen. Das zeigen die Schlammspuren, die nur vorne in schmalen Spritzern vorhanden sind, und die feuchte Linie knapp über der Sohle, auch hier fast ausschließlich im vorderen Bereich zu sehen. Das bedeutet, dass die Straße schon wieder fast trocken war, es ist kein Wasser von oben auf den Fußrücken gefallen. Du bist hauptsächlich gerannt, zumindest auf dem nassen Teil der Strecke, sonst wäre noch mehr von der Feuchtigkeit und dem Dreck auch an der Ferse zu erkennen. Und dass du zumindest auf einem Teil der Strecke durch einen Garten, Park oder einem sonstigen Gebiet mit Erde gelaufen bist sollte selbstverständlich sein..." Er seufzte resigniert. "Mit anderen Worten, ich habe nach wie vor keine Ahnung was passiert ist, aber es war bestimmt nicht gut!"
Shinichi antwortete nicht, teilte jedoch das schlechte Gefühl des Detektivs. Warum sonst sollte er in diesen fremden Klamotten losgerannt sein? Und warum sonst wäre er ohne Erinnerungen in der Bahnhofstoilette gelandet? Und warum... diese... Kopf..schmerzen....?
Er konnte gerade noch Heiji entsetzt auf ihn zustürzen sehen, als es wieder einmal schwarz um ihn herum wurde.





Zweiter Teil
Tags: fanfics, heiji, kaito
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